Brücken zwischen Epochen

Frankfurt - Allerweltsprogramme sind Sylvain Cambreling ein Gräuel. Das war schon in den 1990er Jahren so, als der Franzose die Oper Frankfurt dirigierte. Von Klaus Ackermann

Auch bei seiner Abschiedstournee mit dem SWR-Sinfonieorchester, das er über ein Jahrzehnt inspirierte, gibt es in der Alten Oper unerwartete Brückenschläge zwischen Haydn, dem Neutöner Varèse und dem Endzeit-Sinfoniker Mahler. Starker Tobak also von einem Maestro, der sein Orchester kennt und dessen Farbkraft akribisch erforscht. Der so unspektakulär dirigiert, wie er empfindsam dynamische Akzente setzt.

Das Chaos, Einleitung von Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“, wirkt nur formal wohlgeordnet. Cambreling fixiert die für den Wiener Klassiker kühnen harmonischen Wendungen, die angstvoll-melodiösen Vorhalte, um attacca Varèses „Déserts“ anzuschließen, deren Soundtrack aus dumpfen Schlagwerk, spitzem Piccolo-Pfiff, extremen Intervallen, Akkord- und Klangfetzen signalisiert: Die Wüste lebt. Um noch einmal Haydns Chaos-Vorstellung wie Tonzeichen aus ferner Welt nachzusenden. Sicher eine spannende Zeitreise, dennoch sehnt man sich förmlich nach Haydns Uriel, der Gottes Schöpfung so eindringlich moderiert.

Lebensfreude und Todessehnsucht

Dagegen folgt ein Werk des Abschieds: Voll von Trübsal und Melancholie, aber auch zarte Erinnerung an die Schönheit der Jugend ist „Das Lied von der Erde“, eine „Lieder-Sinfonie“, mit der Gustav Mahler die „magische“ Zahl Neun, Endpunkt des sinfonischen Schaffens bei Beethoven und Bruckner, vermeiden wollte. Lebensfreude und Todessehnsucht stehen in den auf altchinesischer Dichtung basierenden sechs Orchesterliedern einander gegenüber.

Cambreling, der zwischen filigranen kammermusikalischen Passagen und zarter pentatonischer Chinoiserie die jedweder Gastspiel-Routine widersprechenden SWR-Sinfoniker auch den quälend-expressionistischen Aufruhr proben lässt, bietet zudem zwei exzellente Gesangssolisten auf. Seinen kernigen kraftvollen Tenor setzt Michael König, Lohengrin an der Oper Frankfurt, in Trinkliedern „auf Leben und Tod“ ein, nur anfänglich vom hart attackierenden Orchester ein wenig zugedeckt. Aber auch leicht und tänzerisch in den Momentaufnahmen „Von der Jugend“, bei kristallinem orchestralem Unterbau.

Im Lyrischen bis in Kopfstimmen-Höhen hinein eine Macht ist der an Münchens Staatsoper verpflichtete Bariton Michael Volle, prädestiniert für die düsteren Todesgedanken in dem langwierigen finalen „Abschied“. Sein „Ewig, ewig“ scheint die Zeit anzuhalten.

Rubriklistenbild: © dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare