Brüsseler Spitzen

Geisenheim - Große Orchesterstücke im Kammermusik-Format: Brüsseler Spitzen der besonderen Art lieferte das Instrumentalensemble Oxalys beim Rheingau-Konzert in Schloss Johannisberg. Von Klaus Ackermann

Dabei erwies sich der russische Bariton Nikolay Borchev als Meister seines Fachs, Gustav Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“ stimmschön durchlebend. Instrumental ebenso variabel wie versiert, gestaltete die junge Truppe zudem Werke von Zeitgenossen wie Max Reger und Alexander von Zemlinsky.

Es war eine verschworene Gemeinschaft, die sich anfangs der 1920er Jahre im Wiener „Verein für musikalische Privataufführungen“ zusammengefunden hatten, um Musik zu erleben, die das Tor zur Moderne schon mehr als einen Spalt öffnete. Und weil man sich ein großes Orchester nicht leisten konnte, gab es Transkriptionen für Instrumentalensemble, die gleichwohl Mäzene für Konzerte in Originalbesetzung locken sollten.

Regers „Romantische Suite“ op. 125 hatte kein Geringerer als Schönberg mit seinem Schüler, dem Geiger Rudolf Kolisch, eingerichtet, eine ungewohnte Seite des Spätromantikers und Kirchenmusikers aufschlagend, für den die hohe Kunst der Fuge täglich Brot war. In Verbindung von Streichern, Holzbläsern und Klavier vierhändig mit dem spröde tönenden Harmonium gewinnt das Reger-Opus besonderen Reiz. Kleine Intervall-Zellen werden zur großen Impression, von den Belgiern wie mit der Lupe klanglich vergrößert. In bester Erinnerung ist das bizarre Walzer-Scherzo und ein stimmungsvolles mit Geigen-Repetitionen angereichertes Sostenuto, eine Kopfmusik, die auch Bauchgefühle zulässt.

Zum Schönberg-Kreis gehörte Alexander von Zemlinsky, von dem Borchev zwei Lieder auf Gedichte des belgischen Symbolisten Maurice Maeterlinck singt, der „das Unklare mit dem Klaren vereint“ (Verlaine). Ein geheimnisvoller Zauber liegt über den „Mädchen mit den verbundenen Augen“. Während „Und kehrt er einst heim“ das Melodram einer sterbenden Frau ist, mit dem Bariton als Anteil nehmenden Erzähler. Der junge Russe, dem Instrumentalensemble Impulse gebend, entwickelt eine hoch emotionale Geschichte, mit einer Stimme, die vor allem in den leisen Passagen berührt.

Auch die ebenfalls von Schönberg eingerichteten „Lieder eines fahrenden Gesellen“ fordern spontan Anteilnahme. Vorausgegangen sind zwei Sätze des Zemlinsky-Streichquintetts d-Moll –elegische Stimmung in verhaltener Glut und ein freudig-bewegter, perfekt intonierter Satz. In den Mahler-Liedern lässt Schuberts unseliger Wanderer grüßen, dessen Schatz Hochzeit mit einem anderen macht, der sich die Welt schön redet und doch ein „glühend’ Messer“ in seiner Brust fühlt. In der abgespeckten Ensemble-Version mit den düsteren Motiven sind die Stimmungsschwankungen bestürzend echt. Beschworen von einem Bariton, der noch per Kopfstimme für berückende Momente sorgt. Kein leichtes Konzert, aber ein äußerst befriedigendes.

Rubriklistenbild: © Peter Kirchhoff/pixelio.de

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