Bühnenreife Beliebigkeit

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Hemmungen sind hier fehl am Platz: Die Band „Baby of Control“ wird nicht nur musikalisch, sondern vor allem optisch gerne auf- und ausfällig.

Band, Schauspieltruppe oder Irrenhaus? Was „Baby of Control“ nun genau darstellt, wird jeder anders bewerten. Aber es macht Spaß, der Truppe zuzusehen. Von Domenico Sciurti

Die Pandora ist immer eine geometrische Form. Mal ist sie ein Dreieck, mal ein Kreis, ihr Gesicht ist schwarz angemalt. Fast immer steht sie am Rand der Bühne, sagt mal „ah“, manchmal stöhnt sie, manchmal sagt sie schlaue Sachen wie: „Kleines Hawaiimädchen, streng Dich richtig an, damit Du die Laterne am Sankt-Martins-Tag halten kannst.“ Irre? Selbstverständlich. Und Absicht! Die Pandora ist ein Teil von „Baby of Control“. Einer Band, die sowohl musikalisch wie auch optisch gerne auf- und ausfällig wird. Auf der Bühne schwingt die Pandora ihren Kopf leicht nach rechts, dann nach links, der gewaltige Körper aus Pappe schwingt jeweils in die andere Richtung. Gesang: „I will shoot your father in the face“. Vor ihr hüpfen, tanzen, zappeln Friedrich Skill, Krautan Kraft, Zakuza Millionaire, Pavermann, Soraya, Prinzessin Vaginae of the Universe und Balla-Rina zu heftigen Elektrobeats. Alle Bandmitglieder leben in Offenbach oder Frankfurt. Nur Mitglied Nummer neun nicht - Ute aus Freiburg. Die ist eine lebensgroße Puppe und muss froh sein, dass sie nicht lebt. Sie ist lasziv angezogen; während der Shows wird sie immer wieder schwer misshandelt, durch die Gegend geworfen oder einfach auf dem Boden liegen gelassen.

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Baby of Control in Concert

„Wir nehmen uns nicht zu ernst, weder in der Musik noch sonst im Leben“, erklärt Pandora. „Das ist der Grund, wieso es mit uns so gut funktioniert“, ergänzt Krautan Kraft. In erster Linie seien sie seit vielen Jahren einfach nur gute Freunde. Sich voreinander auszulassen, davor habe keiner Angst, Hemmungen seien fehl am Platz und „eher kontraproduktiv“. Da bei ihren Treffen immer auch andere Freunde anwesend waren, sprach sich das Schaffen der Gruppe schnell rum. „Irgendwann fragte man uns, ob wir nicht mal auftreten wollen“, sagt Pandora.

Die wahren Identitäten werden nicht preisgegeben

Das Programm der Band ist es, kein ausgeklügeltes Konzept zu haben. „Die Musik trägt den Text, der Text trägt die Musik“, erklärt Zakuza Millionaire. Alles entstehe durch Improvisation - also Mikro in die Hand nehmen, Musik anwerfen, einfach drauflos brabbeln, singen, erzählen, spinnen. Jedes Bandmitglied beeinflusse auf diese Weise die Musik mit dem eigenen kulturellen Hintergrund, mit den eigenen musikalischen Vorlieben, mit allem, was ihn oder sie im Alltag gerade beschäftigt. Kommt bei den Proben etwas heraus, womit alle zufrieden sind, wird so lange gefeilt, bis das Stück bühnenreif ist. „Unsere Musik könnte man so verstehen, als hätte sie einen tieferen Sinn“, erklärt Kraft: „Hat sie aber nicht! Wir spielen einfach mit Sex, Gewalt und anderen Tabuthemen.“ Auch wenn sich viele daran stören, sei die Botschaft von „Baby of Control“ äußerst einfach: „Spaß haben!“

Also bekennende Beliebigkeit? „Der Name der Gruppe entstand mithilfe eines Bandnamen-Generators im Internet“, gibt Pandora ohne Bedenken zu: „Wir haben einfach Baby und Kontrolle eingegeben, und das erste, was uns genannt wurde, ist jetzt unser Name.“ Auch die Namen der Bandmitglieder sind natürlich frei erfunden. Ihre wahren Identitäten möchten sie nicht preisgeben. Dem dient auch das Verstecken der wahren Persönlichkeit hinter ausgefallenen Kostümen - hinter Schminke, Perücken, Fellen, Mützen und ganz viel Glitter.

„Baby of Control ist nur eine Station“

In der Region sind „Baby of Control“ jedoch ziemlich bekannt. Eine große Fanschar kommt stets zu den Konzerten – da ist es schwer, nicht erkannt zu werden. Steht die Band auf der Bühne, geht es ziemlich bunt ab: Zu jedem Stück bietet sie eine verrückte Performance. Balla-Rina und Prinzessin Vaginae of the Universe – letztere ist übrigens ein Mann – sind im wahren Leben Schauspieler. Bei „Baby of Control“ nehmen sie die Rolle der Tänzer ein.

Friedrich Skill ist die Stimme, Millionaire ein mysteriöser Zauberer. Krautan Kraft erzählt ein wenig genervt, er müsse immer der Bösewicht sei. Aber eigentlich könnte er auch jemand anders sein, wenn er wollte. Paverman ist der Superheld, oftmals in Tiergestalt, und Soraya die 80er-Jahre-Glitter-Queen. „Wir sind Künstler“, sagt Millionaire: „Wir machen uns keine Gedanken darüber, wie unsere Zukunft aussieht. Baby of Control ist nur eine Station in unserem Künstlerdasein.“

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