Bußgesang und Friedensbitte

Offenbach - Die ungewöhnliche Mai-Terminierung hat bei den Offenbacher Orgelwoche für manch leere Bank gesorgt – aber nicht beim Abschlusskonzert in der Lutherkirche, wo Tobias Koriaths Offenbacher Kantorei ihre Heimat hat. Dort nimmt das Publikum sogar dankbar hin, dass mitten im Lenz Bußgesänge erblühen. Von Reinhold Gries

„Gott sei mir gnädig“, erklang es zu Beginn der Motette des Spätromantikers Albert Becker. Einprägsame Sätze wie „Wasche mich wohl von meiner Missetat“ passten zum 9. Mai, an dem Europa-Tag und Ende des Zweiten Weltkriegs fast zusammenfallen. Die bestens geschulte Kantorei begann sanft, sorgte aber auf „Missetat“ für mächtige Verstärkung. Über ein fugiertes „An dir allein hab ich gesündiget“ ging es zu kunstvollem Wechsel von Männer- und Frauenstimmen. Nach expressiven Sätzen zum „geängsteten Geist“ und „zerschlagenen Herz“ setzte die Chorarmada in „Ehre sei dem Vater“ zu machtvoller Hymne an.

Jungtalent Jorin Sandau an der Steinmeier-Orgel von 1914 begleitete die Motette „Befiehl dem Herrn deine Wege“ nach dem Lied von Paul Gerhardt. Das „Hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen“ tauchte immer wieder auf, als Kanon oder Fuge, Koloratur oder Akklamation. Die zwischen barocker Kontrapunktik, Klassik und Frühromantik pendelnde Klangsprache gefiel über die Maßen, zumal der Vorzeigechor bis zum Choral „Wohl dir und deiner Treue“ und zur Schlussfuge den vielstimmigen Spannungsbogen hielt.

Schumanns romantische Auseinandersetzung

Dazwischen setzte der 1983 geborene Sandau beachtliche Soli. Robert Schumanns „Skizze für Orgel“ in f-Moll war kunstvolle Miniatur zwischen Lyrischem und Melodramatischem, im Wechsel Menuett-Trio-Menuett wie ein Scherzo wirkend. Schumanns romantische Auseinandersetzung mit dem B-A-C-H-Thema stieg aus düsterem Kolorit zu helleren Farben auf. Lieblingsstück der Zuhörer war das übermütige Scherzo E-Dur aus den „Dix pieces“ von Eugène Gigout.

Überzeugen konnte Sandau auch in der Orgelpartie von Louis Viernes Messe solennelle. Die Untermalung der lateinischen Chorsätze gelang ebenso schön wie Vor-, Zwischen- und Nachspiele, Gesangsmotive antizipierend oder imitierend. Koriaths Chor war dem bestens gewachsen, auch wenn es bei modernen Klangsequenzen im Agnus Dei zu zweifelnden Gesichtern kam. Dafür besaß das Kyrie etwas Monumentales und Erhabenes, Akklamationen und Läufe des Gloria strahlten Kraft und Feingefühl aus, das staccatoartige Sanctus hämmerte wie ein Perkussionsstück. Nach gehauchtem Benedictus und weihevollem Hosanna endete das „Dona nobis pacem“ nachdenklich, passend zum Motto „Gib uns Frieden“.

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