Wild und emotional

Casper rappt die Stadthalle

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Casper in der Stadthalle Offenbach.

Offenbach - „Ausverkauft“, „Zusatzkonzert“ - die Schlagzeilen um Rapper Casper lassen keinen Zweifel daran, dass der 31-Jährige derzeit mächtig erfolgreich ist. Von Stefan Michalzik

Auch die Offenbacher Stadthalle, wo der deutsch-amerikanische Musiker - bürgerlich Benjamin Griffey - gestern Abend über die Bühne fegte, war in wenigen Stunden ausverkauft. Und Casper enttäuschte seine Fans nicht: Wild und emotional präsentierte er mit seiner typisch rauen Stimme Songs seines neuen Albums „Hinterland“ und ältere Stücke. Auch wenn er schonungslos das Elend des Alltags behandelt: Feuilletonisten sehen Casper als „intelligenten Rapper“ und Gegenentwurf zum Gangsta-Rap von eher brachialen Kollegen wie Bushido.

„Oh ey oh, oh ey oh, oh ey ohoho“ und ähnlich klingt es bei Casper immer wieder im Chor durch die Stadthalle. Auf Aufforderung gehen alle Hände hoch, mit oder ohne Seitwärtsbewegung. Keine Frage, hier geht es in erster Linie um die Party. Eine unbotmäßige Plattheit ist dem Rapper, Jahrgang 1982, indes nicht vorzuhalten. Das ist alles ausgesprochen fein gearbeitet. Immer wieder klingt die Ödnis einer Jugend in der Provinz durch, der Sohn einer Deutschen und eines Amerikaners ist im Ostwestfälischen und in der US-Provinz des Bundesstaates Georgia aufgewachsen. In einer seiner Conferencen wirft Casper versehentlich Offenbach und Offenburg durcheinander, als Reaktion auf seine eilige Korrektur erntet er eine Belehrung im Chor ,,Wir sind alle Frankfurter Jungs“.

Provinzbewusstsein ist überall, noch in der weltstädtischen Metropole. ,,Auf und davon“ heißt es in einem fröhlichen Eskapismus, auf der horizontal geteilten Projektionsfläche im Breitwandformat sind dazu Bilder alpiner Gipfel zu sehen. Es geht viel um die kleinen Fluchten, um Drogen und Alkohol, um Melancholie und Alltag, wie man es mit den Fehlfarben sagen könnte, in einer gewieft-simplen Geschmeidigkeit, live präsentiert mit sechs instrumentalen Begleitern. ,,Anti-alles für immer“, lautet eine Formel. Die darin enthaltene Ironie zeugt davon, dass dieser Protest einer des Unmuts am Feierabend ist, derweil man am nächsten Morgen artig wieder zur Arbeit geht. Das klingt jedenfalls anders als die Dissidenzbekundungen der vorhergehenden Generation um die von Casper verehrten Bands der Hamburger Schule.

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Die auf Tocotronic zurückgehende Parole ,,Im Zweifel für den Zweifel“ zitiert Casper in seinem Song ,,Blut sehen“ von seinem Album ,,XOXO“, mit dem ihm vor drei Jahren der große Durchbruch gelungen ist. Ungeachtet der Verehrung für die Hamburger Popdissidenten ist die intellektuelle Grübelei Caspers Sache ganz entschieden nicht. Musik und Texte sind viel griffiger. Es sind massentaugliche Phänomene des deutschen Pop, an die er anschließt, man denkt an Die Ärzte, auch an die besseren Momente von Udo Lindenberg. Jedenfalls sprengt Casper den auf die sogenannte Credibility, die Glaubwürdigkeit, bedachten Rahmen von Rap und HipHop.

Glaubwürdig ist er auf seine Weise, denn er will nicht cooler sein als die US-amerikanischen Vorbilder, seine Texte wirken aber auch nicht so mittelstandssatt wie jene der Fantastischen Vier, auf deren Label Four Music seine Platten erscheinen, zuletzt im Herbst vergangenen Jahres ,,Hinterland“, das dritte, aus dem sich ein Gutteil des Konzertrepertoires speiste, in der üblichen Vermischung mit älteren Erfolgsnummern. Binnen kurzer Zeit ist es Casper gelungen, sich in die deutsche Rap-Geschichte einzuschreiben. Dabei ist er nicht der große Innovator, weder musikalisch noch was die Gestalt seiner Texte anlangt. Aber er kommt ohne die redundanten Tiraden vieler einschlägig bekannter Kollegen und deren Bad-Boy-Attitüde aus und er macht seine Sache gut. Der Erfolg ist verdient.

Musikgrüße an die Offenbach-Post

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