Anja Silja kehrt nach Frankfurt zurück

Charakterstarke Star-Sopranistin

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Die einzig Normale: Anja Silja mit Barbara Zechmeister in „Der Spieler“

Frankfurt - Sie ist nach wie vor ein starker Charakter. Anja Silja hat Operngeschichte mitgeschrieben. Und kehrt jetzt an die Frankfurter Oper zurück, an der sie einst große Erfolge feierte. Als Großmutter in Sergej S. Von Klaus Ackermann

Prokofjews „Spieler“, den Altmeister Harry Kupfer inszeniert. Das Libretto basiert auf dem gleichnamigen Roman des Russen Fjodor M. Dostojewski. Dirigieren wird die Frankfurter Erstaufführung Generalmusikdirektor Sebastian Weigle. Premiere ist am Sonntag um 18 Uhr im Haus am Willy-Brandt-Platz.

„Sie ist die einzige Normale in dieser Oper“, sagt Anja Silja zu dieser erstmals verkörperten Großmutter-Rolle. Umgeben von lauter Spielsüchtigen, die an das Geld der Alten wollen. Den vielen großen Frauen-Partien, die sie in den Opernmetropolen zwischen Bayreuth, New York, Berlin, Mailand und Frankfurt gesungen hat, fügt die große Dame des Gesangs so einen weiteren Charakter hinzu.

An Regisseur Kupfer, mit dem Anja Silja noch nie zusammengearbeitet hat, schätzt sie sein großes Wissen ums Metier. Und dass er seinen Inszenierungen nie irgendwelche Stempel aufdrückt, sondern den Menschen herausstellt. Silja muss es wissen, hat sie doch 1990 in Brüssel als Einspringerin bei Wagners „Lohengrin“ Regie geführt. „Eine einmalige Erfahrung“, wie die Sopranistin lächelnd bekennt. Mit der Erkenntnis, wie sehr Regisseure doch unter den Sängern zu leiden haben …

Von den zeitgenössischen Operngestaltern steht vor allem Robert Wilson bei ihr hoch im Kurs. Der gebe seinen Akteuren ein Arsenal an Bewegungen vor, „die alle eine bestimmte Bedeutung haben“, so Silja. Und in seinem Lichtdesign erinnere er sie an Wieland Wagner, den Mann ihres Lebens.

Der Wagner-Enkel und wichtigste Regisseur in den Nachkriegsjahren hatte die erst 20-Jährige nach Bayreuth verpflichtet. Als Leonie Rysanek 1960 die Senta („Fliegender Holländer“) absagt, gibt Silja ihr Debüt auf dem Grünen Hügel. Fortan sind Wagner-Heroinen, aber auch mädchenhafte Frauenfiguren wie Elsa („Lohengrin“), Elisabeth („Tannhäuser“) und Evchen („Meistersinger“) für die gertenschlanke Sopranistin täglich Brot. In 36 Inszenierungen des geliebten Wieland Wagner wird Silja innerhalb von fünfeinhalb Jahren singen – ein gewaltiges Pensum. Ihre „Salome“ (Richard Strauss) erregt 1964 in Paris großes Aufsehen.

Nach Wieland Wagners frühem Tod hat der Weltstar, der zwar noch freundschaftlichen Kontakt mit Eva Wagner-Pasquier hält, Urenkelin Richard Wagners und mit ihrer Halbschwester Katharina heute die Festspiele leitend, um den Grünen Hügel einen großen Bogen gemacht. Allenfalls den Bayreuther Friedhof hat sie besucht, wo ihre Großeltern begraben sind, bei denen die Tochter einer Schauspielerin mit vielen wechselnden Engagements aufwuchs.

Ihr Großvater, selbst ein großer Sänger und Gesangspädagoge, hat nicht nur ihren Sopran geformt, sondern ihr auch sämtliche Schulkenntnisse vermittelt, weil er den staatlichen Schulen misstraute. „Auf der Flucht vor den Jugendämtern war so mancher Umzug fällig“, erinnert sich Anja Silja heute.

Wieland Wagner nannte ihre Stimme eine „Kindertrompete“ – noch bei Spitzentönen über Substanz zu verfügen, war ihre Spezialität. Heute gebe es leider kaum mehr Sänger, die man spontan an ihrer Stimme erkenne. Stromlinienförmige Stimmgaben seien das Ideal, so die Sopranistin, die im lyrischen wie im dramatischen Fach für Furore sorgt und später mit schwierigen Charakteren wie der Küsterin aus Janaceks „Jenufa“ reüssiert.

Natürlich werden in Frankfurt Erinnerungen wach. Etwa an Christoph von Dohnanyi, Frankfurter Generalmusikdirektor von 1968 bis 1977, mit dem Anja Silja zwanzig Jahre verheiratet war und drei Kinder hat. Aber auch an den legendären Intendanten Harry Buckwitz, den Dirigenten Sir Georg Solti und Heldentenor Ernst Kozup. Und Anja Silja hält noch immer Überraschungen bereit. Bei Festspielen auf der Insel Rügen hat sie, begleitet vom Pianisten Andrej Hoteev, Melodramen von Anton Arensky rezitiert (einem Zeitgenossen Tschaikowskys), stimmlich prädestiniert für das Phantastische, Bildhafte und Emotionale. Und getreu dem Titel ihrer Autobiografie „Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren“.

So wird der Auto-Fan Silja mit seinem Saab Aero oder einem Uralt-Käfer weiterhin zwischen Zürich (wo ihr Sohn lebt), Paris (wo sie demnächst die Hexe in Humperdincks „Hänsel und Gretel“ gibt) und Hamburg (wo zwei Töchter und vier Enkelkinder sie erwarten) pendeln. Mit Abstecher nach Offenbach, zu Besuch bei ihrem Bruder Gregor.

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