Chopin ins musikalische Mark getroffen

Frankfurt - Es ist zur liebenswerten Gewohnheit geworden: Klavierabende des Tastenzaren Grigory Sokolov haben eine dritte Halbzeit. Erst nach sechs Zugaben ließ das verzückte Publikum den großen Klangpoeten von der Bühne. Von Klaus Ackermann

Der hatte zuvor beim Pro-Arte-Konzert den Klavierkomponisten schlechthin, Frédéric Chopin, erschöpfend erforscht und für andauernde Hochspannung in der Alten Oper gesorgt.

Eine knappe Verbeugung ins Halbdunkel des großen Saals - leicht geduckt hat Sokolow am Flügel Platz genommen. Und schon ist man eingebunden in den feinnervigen Klang-Kosmos eines Chopins, der dem virtuosen Gepränge des Pariser Klaviersalons seiner Zeit so entschieden Paroli bot. In der Sonate für Klavier Nr. 3 h-Moll setzt er kraftvolle Selbstäußerung gegen herzerweichende intime Bekenntnisse, von dem Magier Sokolov wie mit dem Seismograph erkundet. Der bei Unruhe-Zuständen dramatisch aufbegehrt, doch tief empfundenes Leid scheint sich in fein ziselierten harmonischen Wendungen zu verflüssigen.

Und selbst die hohen Chopin-Standards sind beim Russen stets eingebunden ins poesievolle Spiel, das im quirligen Scherzo wundersam leicht Fahrt aufnimmt, im Largo-Gesang mit seinen Präludien-artigen Triolengängen jedem Ton nachzusinnen scheint. Kraftvoll das Presto-Finale mit seinen aufrührerischen Tendenzen, das in technisch griffigen tänzerischen Zwischenspurts die Leichtigkeit des Seins propagiert - in Dur.

Für Chopin war die Mazurka kompositorisch „täglich Brot“. Sokolow hat ihrer zehn aus verschiedenen Entstehungsperioden ausgewählt und dramaturgisch geschickt aneinandergereiht. Das beginnt zwar mit skurril Prallgetrillertem und folkloristisch getöntem, pathetisch überhöhtem Schlager, doch allein sechs der rhythmisch so markanten Mazurken stehen in Moll. Nichts für virtuose Tastenklopfer, umso mehr für Sokolow, dessen unerschöpfliche Anschlagskunst farbliche Vielfalt gestattet - slawische Empfindsamkeit wirkt hier ansteckend. Dass im dreiviertelstündigen Zugabenteil mit allein drei Impromptus und einem Klavierstück Schubert zu gutem Ton kommt, macht Sinn. Denn dessen Fülle an melodiösen Erfindungen hat auch Chopin inspiriert, den Sokolov mit einer weiteren Mazurka ehrt. Endgültig Schluss ist nach dem Walzer eines gewissen Herrn Griboedoff. Für den harten Kern der Sokolov-Fans.

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