Brich an, o schönes Morgenlicht

Offenbach - Johann Sebastian Bachs „Weihnachtoratorium“ von 1734 ist sein schönstes, populärstes, eingängigstes Großchorwerk. Von Reinhold Gries

In weiten Teilen entnommen aus eigenen Huldigungskantaten, füllt es mit leuchtenden Rezitativen und Arien sowie prächtigen Chorälen Kirchen und Konzertsäle. Am zweiten Weihnachtstag war das in der Lutherkirche nicht anders, wo sich unter Leitung von Regine Marie Wilke Offenbacher Kantorei und Oratorienchor zur Aufführung der Kantaten I-III mit dem professionellen Collegium Instrumentale Offenbach zu ebenso festlicher wie beeindruckender Leistungsschau hiesiger Kirchenmusik vereinten.

Wilke baute auf Originalklang, Dynamik und tänzerische Leichtigkeit und profitierte von Tobias Koriaths letzter Offenbacher Chor-Einstudierung. Bachs innige, menschlich warme Tonsprache schien ihr auf Leib und Seele geschneidert zu sein. Da genügten für manche Einsätze strahlende Blickkontakte, um Fließendes im Fluss zu halten. Für klare Struktur und Harmonie sorgte die Continuo-Gruppe aus Werner Fürst (Truhenorgel), Carmen Brendel (Kontrabass), Uta Kempkes (Barockcello) und Guido Spitz (Fagott).

Wilke konnte es sich leisten, Nils Stefans berückende Altus-Aria „Schließe, mein Herze“ mit Gudrun Jeggles Violinsolo und Markus Franckes Tenorarie „Frohe Hirten, eilt“ samt galanter Flötenläufe von der Kirchenbank aus zu genießen. Umso energischer, aber im goldenen Maß ging sie bei prächtigen Sätzen wie „Jauchzet, frohlocket“ und „Herrscher des Himmels“ zu Werk.

Berührende, innige Instrumentalsätze

Berührende, innige Instrumentalsätze kulminierten in der Sinfonia-Himmels- und Hirtenmusik des zweiten Teils und waren geprägt von Gudrun Jeggles und Bettina Webers Geigenkunst wie vorzüglichen Flöten-Einsätzen und charaktervollen Zentralpartien der Oboen d’amore und Englischhörner. Für Strahlkraft sorgten die zuverlässigen Bach-Trompeten. Nicht anders war das bei Vokalsolisten und Chorsängern. Sehr gut gefiel das Schmankerl „Er ist auf Erden kommen arm“ mit Dialogen zwischen dem fulminanten Bass Fabian Hemmelmann und zarten Chorsopranen der Ricarda-Huch-Schule Dreieich sowie der Kinderkantorei der Lutherkirche.

Durchgängig überzeugte Franckes strahlend heller Evangelistentenor, zwischen Arien, Rezitativen und Chören einfühlsam den erzählerischen Faden spinnend. Die Arie „Frohe Hirten, eilt“ klang meisterlich. An Stimmhöhe, nicht an Ausdruck wurde er übertroffen von Altus Stefan in Koloraturen des „Bereite dich, Zion“ oder Idyllen wie „Schlafe mein Liebster“ und „Schließe, mein Herz“. Soli voller Kraft und Wärme gestaltete Hemmelmann nicht nur in „Großer Herr, o starker König“. Herausragend seine stimmstarken Rezitative. Da hatte es im Duett von „Herr, dein Mitleid“ Cosima Seitz‘ silbrig feiner Sopran etwas schwer, sich zu behaupten. Leicht hatten es die homogen auftrumpfenden Chöre, glänzend in allem was sie sangen. Das klappte im tänzerischen Duktus wie bei Fugen in „Ehre sei Gott in der Höhe“.

Ungewöhnlich langsam wurden einige Choräle dargeboten, ein wirkungsvoller Kunstgriff der Dirigentin. Das steigerte sich bei „Wie soll ich dich empfangen“, „Ach mein herzliebstes Jesulein“ oder „Brich an, o schönes Morgenlicht“. Bachgetreu mischte sich suggestive Klangrede mit Klangzauber und Lobpreisungen, ganz nach dem Motto „Herz und Mund und Tat und Leben“.

Rubriklistenbild: © Pixelio.de/Rainer Sturm

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