In die Unendlichkeit

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Ein Mann, eine Gitarre: Mit dem Schmuse-Rock von einst hat Chris Rea nicht mehr viel am Hut.

Frankfurt - Von wegen Kuschelrock! Das war einmal. Heute spielt Chris Rea live nicht mal mehr Songs wie „On The Beach“ oder „Looking For The Summer“ mit der typischen Schmuse-Note, die ihn in den 80ern so populär gemacht hat. Von Anke Steinfadt

Der gebürtige Brite rockt jetzt richtig, und eine gehörige Portion sumpfigen Blues gibt es obendrauf. Unverändert ist seine Stimme, die wunderbar tief und rauchig klingt, zugleich auf wundersame Weise klar. Dazu bedient er verschiedene Gitarren meisterlich und jedes Solo – mal krachend und kompromisslos, dann voller Zärtlichkeit wie ein sehnsuchtsvoller Ruf – ist ein Ereignis. Einmal lässt er sein Instrument sogar wie einen Vogel zwitschern.

Nach überpünktlichem Start hat es etwas gedauert, bis Chris Rea und seine fünfköpfige Begleitband das Publikum in den Bann ziehen. Die Befremdlichkeit, die eine halbleere, mit Stoffbahnen nach hinten abgehängte Halle und ein bestuhlter Innenraum ausstrahlen, muss erst einmal überwunden werden. Bei „Where The Blues Come“ und dem darauf folgenden „Josephine“ springt der Funke über und es entsteht erstaunlicherweise Intimität. Und das, obwohl der inzwischen 60-Jährige kaum mit dem Publikum interagiert.

Rücktritt vom Bühnenabschied

Es ist eine gute Mischung aus neuen Stücken des aktuellen Albums „Santo Spirito Blues“ und Hits aus dreißig Jahren. Seit der Jahrtausendwende hat Chris Rea einiges durchgemacht: den Krebs überlebt, eine Abschiedstournee gegeben, sich seiner Liebe zum Blues besonnen, mehrere Platten produziert und für die Rückkehr auf die Bühne entschieden. Und da steht er nun, wirkt klein in der riesigen Halle. Mit krummem Rücken, in Jeans und dunklem T-Shirt, mit kurzen Haaren und gestutztem Bart, bewegt er sich entweder gar nicht oder mit ungelenken Trippelschritten, manchmal um die eigene Achse kreiselnd. Das wirkt unbeholfen und herzzerreißend sympathisch. „Stony Road“, der Song, der auf seinen Krankenhausaufenthalt zurückgeht, erntet doppelten Applaus.

Im letzten Konzertdrittel bewegt sich eine einzelne Dame nach vorn zum Bühnenrand. Mehr und mehr Fans folgen ihr. Im Nu hat sich der halbe Innenraum erhoben. Als wäre dies vorauszusehen gewesen, dimmt das Licht herunter und Reas Gitarre bohrt sich feierlich durch die Dunkelheit. „Road To Hell“ gefolgt von „Let’s dance“ bringen die Fans in Hochstimmung. „Ich bin niemals zu alt zum Tanzen. Ihr seid niemals zu alt zum Tanzen“, merkt Rea an. Das Glück verweilt für einen weiteren Song, dann ist die Bühne plötzlich leer. Auf der Hintergrund-Leinwand tut sich die Unendlichkeit des Weltalls auf. Die Musiker bleiben nach rund 100 Minuten Spielzeit spurlos verschwunden.

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