Christian Gerhaher beim Rheingau-Festival

Geisenheim - Die „ferne Geliebte“ scheint bereits in der Erinnerung ihren Platz gefunden zu haben. So reflektiert, fast distanziert, wie Christian Gerhaher den Liedzyklus Ludwig van Beethovens auslegte, muss die Leidenschaft in vergangenen Tagen liegen. Von Axel Zibulski

Beethovens sechs Lieder „An die ferne Geliebte“ op. 68 eröffneten Gerhahers Konzert im Fürst-von-Metternich-Saal von Schloss Johannisberg.

Bariton Gerhaher und sein Klavierpartner Gerold Huber stellten Beethovens Zyklus wie ein Motto an den Beginn ihres Liederabends. Wie auf ihrer jüngsten CD-Einspielung boten die beiden regelmäßigen Gäste des Rheingau Musik Festivals außerdem Werke des anderen Wiener Klassikers Joseph Haydn sowie der Zweiten Wiener Schule – Arnold Schönbergs hundert Jahre später entstandenes „Buch der hängenden Gärten“ op. 15 nach Stefan George, Alban Bergs Lieder op. 4 nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg.

Ein anspruchsvolles Programm. Doch welcher Lied-Bariton dürfte zurzeit Schönbergs Vertonungen der Semiramis-Gedichte so faszinierend genau ausleuchten können wie Christian Gerhaher? Ihr symbolistisch durchwirkter erotischer wie exotischer Gehalt würde nichts weniger vertragen als romantisches Pathos, das sich Gerhaher völlig versagte. Sein Vortrag blieb äußerlich vielmehr höchst nüchtern, nicht nur in gesprochenen Passagen, die er perfekt mit den gesungenen Momenten überblendete und ausstufte. Auch die Gesangslinien waren in ihrer Schwerelosigkeit, ihrem völlig unangestrengten und enorm textgenauen Deklamieren perfekt geformt. Gerold Hubers fast unmerklich-hintergründige und dennoch zugleich unentbehrlich deutliche Klavierbegleitung war einmal mehr kongenial.

Ironische Distanz ist Gerhahers Sache nicht, auch wenn sie in Alban Bergs fünf Liedern op. 4 auf Ansichtskartentexte von Peter Altenberg manchmal denkbar, vielleicht sogar nötig wäre („Siehe, Frau, auch du brauchst Gewitterregen!“). Doch Gerhaher stellte auch diese Lieder mehr aus, als dass er sie interpretierend kommentierte. Seine Technik, seine völlig bruchlosen Registerwechsel bis zur kunstvoll leuchtenden Kopfstimme ermöglichen das schließlich vorzüglich. Sieben englische Lieder Joseph Haydns (davon zwei als Zugaben), außerdem Ludwig van Beethovens leuchtende „Adelaide“ op. 46 standen am Ende dieses von starkem Applaus gewürdigten Liederabends.

Rubriklistenbild: © Oliver Weber/pixelio.de

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