Intensiv erlebte Grenzerfahrung

Eltville - Als Countertenor kam Bejun Mehta spät zur Bühne: Mit 30 Jahren debütierte der Amerikaner, zunächst als Bariton ausgebildet, in einer Oper von Georg Friedrich Händel. Von Axel Zibulski

Wer beispielsweise die so natürlich strömende Stimme seines Rheingauer Kollegen Andreas Scholl im Ohr hat, mag sich an Mehtas engere, auch artifizieller klingende und etwas druckvoller geführte Stimme gewöhnen müssen.

Als Bejun Mehta nun in der Basilika von Kloster Eberbach ein reines Händel-Programm aufführte, wirkte der heute 44-Jährige in den beiden ersten Arien noch nicht in Form: „Sento la gioia“, die Freuden-Arie aus Händels Zauberoper „Amadigi di Gaula“, klang eng, metallisch scharf, wie belegt und ohne Farbnuancen geführt. So lag es zunächst am Freiburger Barockorchester unter seiner Leiterin und Konzertmeisterin Petra Müllejans, Gefühls- und Meeresturbulenzen plastisch und eindringlich zu vermitteln, in der Sturm-Sinfonie aus der Oper „Riccardo Primo, Re d’Inghilterra“ zum Beispiel. Die Originalklang-Experten ergänzten das Programm mit Instrumentalwerken Händels stilsicher, etwa mit dem betont düster und sehnig gespielten Concerto grosso g-Moll op. 6/6.

In „Voi che udite“ aus der Kaiser-Oper „Agrippina“ schien Mehta erstmals seinen Fokus gefunden zu haben, in weiten, stabilen, nie flackernden Legato-Bögen. An diesen inwendig-getragenen Klagegesang schloss die verzierungsreich-bewegte, in den Wahnsinn entrückte Szene des Orlando („Ah! Stigie larve!“) an. Sie war ein Höhepunkt des Konzerts, zumal sich Mehtas besonders heller, ätherischer Countertenor dem Stimmungsgehalt dieser Grenzerfahrung vorzüglich anpasste.

Geschmackssache: Als mit „Fammi combattere“ („Lass mich kämpfen!“), einer weiteren Arie aus „Orlando“, das offizielle Programm endete, machte Mehta das Podium gestisch wie mimisch vollends zur Bühne. Das glich ein wenig die begrenzte dramatische Gestaltungsbreite seines Countertenors aus.

Rubriklistenbild: © Wronski

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