David Garrett in der Festhalle

XL-Flitzebogen gespannt

+
David Garrett hat mit seiner „Classic Revolution“-Tournee in der Frankfurter Festhalle begeistert. -

Frankfurt - Helene Fischer übt es, Pop-Queen Pink zelebriert es, Simple-Minds-Frontmann Jim Kerr und Robbie Williams tun es - da darf der schönste schnellste Geiger der Welt nicht kneifen. Also schwebt David Garrett mal eben am Trapez, hoch über den Köpfen der Fans ein. Von Peter H. Müller 

Trotz chronischer Flugangst: „Let Me Entertain You“. So in etwa lautet auch das Motto seiner „Classic Revolution“-Tournee, zu deren Start Maestro „Paganini“ die proppenvolle Festhalle an gleich zwei Abenden verzückt.

Natürlich werden sich die Gralshüter der Klassik und alle Genre-Polizisten erneut mit Grausen abwenden. Das hat schon fast Tradition, wenn Garrett mal wieder den XL-Flitzebogen spannt, um Mozart, Metallica und Miley Cyrus in ein Flammen-umwölktes Bühnenspektakel zu packen. Nur, den im Kino eher gefloppten „Teufesgeiger“ ficht das ebenso wenig an wie seine kollektiv jubilierende Gemeinde. Nach einer konzertanten Vivaldi-Frühjahrsreise durch den venezianischen Barock hat der 34-Jährige denn nun auch ein weiteres Mal zum Crossover-Spektakel geladen. Mit ganz großem Besteck.

In seinem Gefolge: Die „Rock trifft Klassik“-erfahrene Neue Philharmonie Frankfurt, Garretts Stamm-Combo um Bandleader/Gitarrist Franck van der Heijden, ein schmuckes Sextett des Deutschen Fernseh-Balletts - dazu Hits von Queen („We are the Champions“) über Andrea Bocelli („Ma dove sei“) bis zu Beethoven Klavierkonzerten, putzige „private“ Anekdoten, prall gefüllte „Coldplay“-Goldlametta-Kanonen, Laserpistolen und Unmengen Pyrotechnik. Da kann es einem doch nur warm ums Herz werden. Tut es auch. Meistens.

Garrett versteht sein Handwerk

Denn in der Tat muss man bei Garrett wirklich nicht mehr um Technik, Intonation oder Phrasierung diskutieren. Er versteht sein Handwerk wie kaum ein anderer. Und er bleibt Überzeugungstäter, frei nach dem Credo: „Musik-Richtungen sind wurscht - es gibt nur gute oder schlechte Kompositionen.“ Will sagen: Wenn Garrett mit Orchester und Band die für gut befundenen Stücke wie Metallicas „Master of Puppets“ oder Springsteens am Loop-Pedal eingespieltes „Born in the USA“ über die Stradivari orgelt, kommt dabei beeindruckendes Kopfkino heraus.

Und Mainstream hin - Pop-Arrangements her: Orffs unkaputtbare Carmina Burana oder Verdis Requiem bleiben gerade im Crossover-Modus Gänsehaut-Nummern. Was dagegen in schöner Regel verwirrt, ist die nicht vorhandene Scheu, Kitsch-Grenzen einzureißen: Twitter-Bildchen aus dem Tour-Bus oder vor dem Urlaubs-Swimmingpool - will man das noch einmal sehen? Garrett mit geöffnetem Haar, kniend vor der Windmaschine zu Bon Jovis „Livin´ on a Prayer“ oder Womanizer David beim „Your Song“-Intermezzo mit Zuschauerin Carla, die auf ihrem Bühnenhocker gar nicht weiß, wie ihr geschieht, als ihr „Star zum Anfassen“ sie mit einer „Star fasst an“-Show beglückt - braucht es dieses Theater?

So wirkt Musik auf unsere Körper

So wirkt Musik auf unseren Körper

Wie auch immer, zuweilen vergreift sich der gnadenlos sympathisch daherkommende David, der seine Fans traditionell duzt, einfach in seiner Setliste: Die Hommage an eine „tolle Zeit“ am Big Apple bei Mentor Itzhak Perlman ist schlicht daneben - Nein, gute Güte, „New York, New York“ auf der Geige, das klingt wie ein akustischer Auffahrunfall. Und Ritchie Valens Uralt-Gassenhauer „La Bamba“ - vor einem munter Flamenco simulierenden Fernseh-Folklore-Ballett - lässt das ungute Gefühl zurück, vielleicht doch im falschen Film gelandet zu sein.

Apropos Kino: Das von Kritikern eher verrissene Biopic des „coolsten Geigenspielers seiner Zeit“ hat sichtlich Eindruck hinterlassen: Bis zum Ende des 150-Minuten-Spektakels, das im Finale des regulären Sets zu Nirvana („Smells like Teen Spirit“) und Aerosmith („Walk this Way“) noch einmal alle verfügbaren Feuerfontänen zündet, huschen immer wieder Filmzitate durch die „Paganini reloaded“-Videos. Dann gibt es stehende Ovationen. Und einen Zugaben-Block, der mit einer Verbeugung vor Elvis eröffnet. Stimmt, der hatte noch gefehlt, irgendwie.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare