Der Weisheit letzter Schluss

+
Deine Lakeien

„Older, wiser, but still we are these fighters.“ Diese Textzeile aus dem Song “Along Our Road” bringt auf den Punkt, worum es auf dem neuen Album von Deine Lakaien geht. Man könnte es auch anders formulieren: Ende der Legende, Willkommen in der Wirklichkeit. Deine Lakaien haben eine Reise von mehr als 20 Jahren hinter sich, um jetzt allen Ballast und jedes Klischee abzuschütteln und das packendste Album ihrer gesamten Geschichte vorzulegen.

Deine Lakaien im Web:
www.deine-lakaien.com

Kaum eine andere Band hat in den zurückliegenden zweieinhalb Jahrzehnten so polarisiert wie das Duo von Sänger Alexander Veljanov und Keyboarder Ernst Horn. Sie wurden geliebt und gehasst. Doch man muss nur wenige Töne des Openers hören, um zu erkennen, dass die Vorbehalte von einst – die guten wie die schlechten – nicht mehr gelten. Die Band braucht die alten Kategorisierungen nicht mehr. Die beiden Überzeugungstäter legen die Masken ab, verstecken sich nicht hinter der eigenen Aura und sind mehr denn je bei sich selbst. So machen sie es Hörern aller Lager leichter, sich auf sie einzulassen. Die beiden Protagonisten genießen das Gefühl, nichts mehr beweisen zu müssen und jeweils den kürzesten und direktesten Weg zu einer Aussage zu finden.

„Durch die Arbeit der letzten Jahre hat man an Stärke gewonnen und muss nichts mehr erklären. Entweder akzeptieren und genießen die Leute, was man ihnen anbietet, oder eben nicht“, lässt ein gelassener Alexander Veljanov vernehmen. Die Veröffentlichung des letzten Studioalbums „April Skies“ liegt genau fünf Jahre zurück. Veljanov und Horn haben seither nicht auf der faulen Haut gelegen. Ihr 20jähriges Jubiläum feierten sie mit einer opulenten Orchester-Tournee, auch die Tradition ihrer Acoustic-Touren wurde fortgesetzt. Gelegenheit genug, sich selbst zu hinterfragen.

„Natürlich hofft man, weiser zu werden, Erfahrungen gesammelt, dazugelernt und sich verbessert zu haben“, erklärt Veljanov. „Für uns war es ganz wichtig, am Anfang dieser Arbeit zu spüren, dass es in diesem Projekt-Konstrukt Deine Lakaien noch Aufgaben gibt.“

Das Cover der aktuellen Neuveröffentlichung.

„Indicator“ ist nicht einfach die Fortsetzung des Gewohnten und Bewährten, sondern ein kompletter Neuanfang. Wer Deine Lakaien schon immer mochte, wird auf dem Album alles finden, was die Band seit jeher ausmacht. Immerhin bringen beide Musiker einen Riesenkoffer an Erfahrungen mit. Doch als sie diesen Koffer im Studio öffneten, machten sie viele Entdeckungen. Zwar kehrt die Band zu ihrer ursprünglichen Arbeitsweise mit elektronischen Instrumenten zurück, doch die sich daraus ergebende stilistische Vielfalt und spielerische Selbstverständlichkeit ist unfassbar. Die lange Pause tat dem Duo gut, um sich zu sammeln und alle Werte komplett zu überdenken. „Du willst nach zwanzig Jahren nicht mehr day auf way und night auf light reimen, sondern versuchst neue Wege und Themen zu finden“, gibt Ernst Horn zu bedenken.

„Daraus ergeben sich automatisch neue musikalische Lösungen. Sicher haben wir auch nicht mehr diesen Klischee-Gegenwind. Es gibt nicht mehr dieses Image, das für irgendwelche Leute ein Feindbild ergibt.“ Wichtiger als die Rückkehr zu elektronischen Sounds ist ein anderer Aspekt. Deine Lakaien bauen Nähe zu ihren Hörern auf. Sie bringen den Mut zu einer poetischen Einfachheit auf, nach der sie bislang eher nicht gesucht haben. Obwohl ihre Songs immer noch sehr emotional sind, entledigen sie sich doch jeglichen Pathos’ und klingen überraschend befreit. „Die starke Metaphernwelt, die frühere Alben dominiert hat, weicht einer poetischen und politischen Direktheit, die in diesem Maße nie bei uns stattfand“, bestätigt Veljanov. So gelingt es Deine Lakaien, mit ungeheurer Schärfe und Pointiertheit brisante politische Themen neben ganz alltägliche Liebeslieder zu stellen. Wenn sie von Immigration, europäischer Einigung, Krieg und Verantwortung gegenüber der Zukunft singen, nehmen sie sich selbst viel weniger wichtig als ihre Umwelt. Sie müssen sich nicht verstellen, um auszudrücken, was sie ärgert. Der Song „Who’ll Save Your World“ appelliert an die Courage und Verantwortung jedes einzelnen, während in „6 O’Clock“ Politik und Religion in der Quersumme Resignation ergeben. Deine Lakaien thematisieren die Wut über die Machtlosigkeit des Einzelnen. Und in „Go Away Bad Dreams“ symbolisieren Alpträume den Zustand eine Welt voller Gewalt.

On Tour vor Ort:
07.10. Darmstadt - Central Station

Neben den politischen und sozialen Kommentaren enthält das Album aber auch ein paar wunderschöne Balladen und Liebeslieder. Doch wie das Leben, so setzen auch Deine Lakaien den Überschwang der Gefühle in den Kontext des globalen Geschehens. Nach 25 Jahren wollen sie über das Thema aller Themen nicht mehr schwärmen wie ungestüme Romantiker in jugendlicher Ausgelassenheit. „Über die Liebe zu singen, ist für einen Sänger das schwierigste Thema überhaupt“, meint Veljanov. „Es gibt kein Sujet, das öfter besungen wurde. Manchmal staune ich, wie ich mich als junger, unerfahrender Sänger über die Liebe geäußert habe. Heute habe ich meinen Weg gefunden, dieses Thema, das mich nie losgelassen hat, mit meiner Stimme zu transportieren.“ „Indicator“ ist ein thematisch und musikalisch in jeder Hinsicht vielschichtiges und intensives Album, das die Vielfalt des Lebens umarmt, Träume und Hoffnungen einschließt, aber sich auch schonungslos der Wirklichkeit stellt. In diesem Sinne ist auch der Titel „Indicator“ zu verstehen. Deine Lakaien wählten bewusst ein sachliches Motto, das nicht nur für den Hörer, sondern auch für sie selbst für Orientierung auf einem neuen Weg steht. Älter, weiser, aber immer noch diese alten Kämpfer...

Kommentare