Dekoratives Herumstehen

Darmstadt - „Die schönste Oper aller Zeiten“ - diesen Titel verliehen einst die Zuschauer des TV-Senders 3sat der Oper „La Traviata“. Nun ist Verdis Meisterwerk am Staatstheater Darmstadt zu erleben. Von Axel Zibulski

Das war auch einmal Mode: Figuren verdoppeln. John Dew, bis Ende der laufenden Saison Intendant des Staatstheaters Darmstadt, erinnert sich und uns daran, nämlich in seiner Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Repertoire-Klassiker „La Traviata“. Da sehen wir sie, die „vom Weg abgekommene“ Titelfigur namens Violetta, meist zweifach, zunächst als singendes Feierbiest und stumme Sterbenskranke, später, zum letalen Finale, in umgekehrter Anordnung. Eine schlüssige, in geschickten visuellen Überblendungen der vier pausenlos gezeigten Bilder auch weiter ausgeführte Idee. Aber sonst?

Sonst gibt es, was es bei John Dew mittlerweile regelmäßig zu sehen gibt: Kostümtheater mit hohen Stehanteilen. Der Hinweis, dass Verdi seine „Traviata“ in der Publikums-Gegenwart gezeigt sehen wollte, findet sich einzig im Programmheft. Auf der Bühne (von Dirk Hofacker) lebt die „Traviata“-Gesellschaft in einem zeitlosen Gestern mit Salonmöbeln fürs Öffentliche, das sich mit Violettas windschiefer Sterbe-Stube in einem großen Einheitsraum verbindet. Die Personenführung bleibt dekorativ: Ärmchen hoch, Beinchen vor oder Köpfchen raus heißt’s, schön der Reihe nach, für die einzelnen Chordamen in der Ball-Szene des zweiten Akts.

Als jene Edel-Prostituierte, die sich in Liebe zu Alfredo Germont von ihrem bisherigen Leben verabschieden will, inszeniert sich Liana Aleksanyan einfach selbst. Wie gut, dass die armenische Sopranistin das vokal mehr als beglaubigen kann: Ihre Violetta ist auch in der ersten Vorstellung nach der Premiere der vokale Glanzpunkt der Aufführung, furios in den Koloraturen des ersten Akts, innerlich im lyrischen Einhalten des Todes-Finales. Dem kommt der kopfig-eng klingende, in der Höhe auch einmal abrutschende Tenor von Arturo Martín bei weitem nicht bei. Nur ein Beispiel für Dews magere Personenregie: Als Vater Giorgio seinen Sohn Alfredo Germont verstößt, nimmt der das völlig reaktionslos hin und wartet einfach auf seinen nächsten Gesangseinsatz.

Vater Giorgio, der Violetta die Liaison mit seinem Sohn aus familiären Ehrerwägungen erst ausreden will und dann doch Sympathie für sie ergreift, wird von Michele Govi mit fabelhaft einschmiegendem Bariton gesungen. Nur: Warum sagte niemand dem Publikum diesen höchst kurzfristigen Besetzungswechsel an? Und worin lagen die ominösen „künstlerischen Gründe“, aus denen Martin Lukas Meister die musikalische Leitung von Kapellmeister Elias Grandy bereits in der Premiere übernommen hatte? Und zwar ohne sodann eigene Akzent jenseits der unauffälligen Begleitung setzen zu können? Immerhin kamen die deutschen Übertitel, anders, als vorab-entschuldigend auf dem Besetzungszettel angekündigt, ungestört zum Einsatz. Es wird Zeit, dass in Darmstadts Staatstheater wieder Kreativität statt Verwaltungsgeist herrscht. Im Sommer 2014 wechselt die Intendanz.

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