Meister ohne Mätzchen

Frankfurt - Jazzrock und mehr: So könnte das Motto des von der Jazzredaktion des Hessischen Rundfunks bestückten 43. Deutschen Jazzfestivals im Sendesaal des Funkhauses abweichend vom tatsächlichen Signum „Jazzrock jetzt!“ ebenso gut lauten. Von Sebastian Hansen

Der erste Abend galt in einer Kooperation mit den Europa-Kulturtagen der Europäischen Zentralbank ausschließlich dem westlichen Nachbarn Frankreich. Zwar wurden in erster Linie altgediente Größen von titanenhaftem Rang und Namen aufgeboten, die aber stellten praktisch durchweg unter Beweis, dass sie nach wie vor viel zu sagen haben.

Der Beitrag Frankreichs zur Herausbildung einer eigenständigen europäischen Jazztradition ist schwerlich zu überschätzen. Am Kristallisationspunkt Paris wurde die Emanzipation von einer anfänglichen Fixierung auf die afroamerikanischen Vorbilder entscheidend vorangetrieben, vor allem mittels einer Verschmelzung mit der westeuropäischen Kunstmusiktradition.

Mit der musikalisch-fotografischen Unternehmung „L’Œil de éléphant“ – das Auge des Elefanten – knüpfen Klarinettist Louis Sclavis und der zur legendären Agentur Magnum gehörige Fotograf Guy Le Querrec an ihre auf die neunziger Jahre zurückgehende Zusammenarbeit an dem Album „Suite Africaine“ an. Der Klarinette, Bassklarinette und Sopransaxofon spielende Sclavis und sein neues Quartett – mit dem Bassisten Henri Texier und dem über die gleiche Instrumentenkombination wie Sclavis hinaus Bandoneon spielenden Michel Portal sowie dem Schlagzeuger Christophe Marguet besetzt – führen einem Filmorchester gleich mit Blick auf die Projektionsfläche eine beschwingte Musik auf, die mit der Revue aus schwarzweißen Leica-Bildern korrespondiert. Es handelt sich um einen europäischen Blick auf den afrikanischen Kontinent in seiner glorifizierten Lebensprallheit. Die ungeheure Intensität und Emphase des Quartetts trug selbst über ein gewisses Gefühl von Länge hinweg.

Michel Portal hatte das Festival bereits im Duo mit dem zu den interessantesten seiner Generation gehörigen jungen israelischen Pianisten Yaron Herman eröffnet. Hermans hyperenergetisch-perkussive Rhythmik und Portals expressive Floskeln: Daraus resultierte eine fesselnde Begegnung zweier Musiker, die einander weidlich Reibeflächen zu bieten vermögen.

Mit Jazzrock hatte das alles nichts zu tun. Zum Schluss des Eröffnungsabends freilich traf der Geiger Jean-Luc Ponty, eine der Galionsfiguren des elektrifizierten Jazz, auf die hr-Bigband, das Hausorchester des Frankfurter Festivals. Vorwiegend alte Stücke aus den siebziger und achtziger Jahren im neuen Gewand der süffigen jazzorchestralen Arrangements des Chefdirigenten Jim McNeely mit einem blitzsauber virtuos, dabei mätzchenfrei und weniger technikverliebt wie ehedem, gleichsam altersweise aufspielenden einstigen Pionier: Überraschungen blieben aus, auf seine Weise aber ging dieses Konzept durchaus auf.

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