Deutsches Jazzfestival: Großer Schritt in die Freiheit

+
Archie Shepp setzte mit 74 Jahren Akzente zum Auftakt.

Frankfurt - Bloß ein klingender Name aus nostalgisch verklärten Glanzzeiten? Ganz gewiss nicht. Von Stefan Michalzik

Ungemein vital präsentierte sich der musikalisch rüstige Archie Shepp als John Coltranes Part übernehmender Solist in Charles Tollivers Neuarrangement von Coltranes Meisterwerk „Africa/Brass“ mit der hr-Bigband zum Auftakt des 42. Deutschen Jazzfestivals im Sendesaal des Hessischen Rundfunks. 1961 hatte Produzent Creed Taylor mit der Gründung des Labels Impulse!, mit dem sich das Festival beschäftigt, eine Brutstätte des New Thing geschaffen: Der Jazz ging in dieser nicht nur musikalisch bewegten Zeit den Schritt in die Freiheit und ließ die Grenzen bisher gängiger melodisch-harmonischer Muster hinter sich.

Das Werk John Coltranes, eines der zentralen Musiker in der bis 1976 währenden Produktion von Impulse!, zieht sich einem roten Faden gleich durch das Festivalprogramm. Derweil Eric Dolphy in seinen Originalarrangements zu Coltranes im Gründungsjahr entstandenem Labeldebüt „Africa/Brass“ mit Waldhörnern, Tuba und Euphonium in Anlehnung an Gil Evans ein dunkles Klangbild schuf, hat der Trompeter Charles Tolliver den Orchesterklang gleichsam höher gelegt. Tuben setzt er zwar bisweilen ein, insgesamt hört sich seine um einige geistesverwandte Nummern von Shepp und ihm selber erweiterte Anverwandlung aber mehr nach einer klassischen Bigband an. Der Ton des zwischen Tenor- und Sopransaxofon wechselnden Archie Shepp, der Sound des famosen Orchesters – alles ist satt und voller pulsierender Emphase: Archie Shepp ist auch mit 74 Jahren noch der lässig-coole Vertreter eines selbstverständlichen schwarzen Selbstbewusstseins. Fraglos der Höhepunkt des ersten Abends.

In Frankfurt lebende US-Pianist Bob Degen

Der mit einer zeitweiligen Unterbrechung seit Jahrzehnten in Frankfurt lebende US-Pianist Bob Degen ist ein begnadeter Lyriker von internationalem Format, auch als Komponist. Er zieht sich immer wieder Partner heran, die produktive Reibungsverhältnisse zu gewährleisten vermögen. In seinem derzeitigen Quartett, in dem der Bassist Ralf Cetto und der Schlagzeuger und diesjährige Träger des Arbeitsstipendium Jazz der Stadt Frankfurt, Uli Schiffelholz, für Begegnungen auf Augenhöhe stehen, trifft er sich mit dem von der zeitgenössischen Musik kommenden französischen Trompeter und Flügelhornspieler Valentin Garvie. Die melodischen Bögen schwingen weit aus, die Tongebung des ab und an Piccolo spielenden Garvie ist expressiv; auf der anderen Seite ist er ein findungsreicher Klangwerker.

Für eine fulminante Eröffnung hatte das in Paris ansässige Trio Das Kapital um den deutschen Tenorsaxofonisten Daniel Erdmann, den dänischen Gitarristen Hasse Poulsen und den französischen Schlagzeuger Edward Perraud gesorgt. Es treibt ein anarchisches Spiel mit der Hinterlassenschaft von Hanns Eisler, dem Komponisten der DDR-Nationalhymne. Das Trio, das von der Haltung her an die einstigen Pioniertaten von Heiner Goebbels, Alfred Harth und Dagmar Krause anschließt, codiert die kämpferischen Marschmusiken improvisatorisch um. Es musiziert freigeistig und herzhaft, nimmt aber Eisler als Komponisten – auch als musikalischen Poeten – ernst. Zu recht wurde die mit „Ballads & Barricades“ betitelte CD-Produktion des Eisler-Programms nach dem Konzert mit dem Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.

Kommentare