Diktatur des Spaßes

Auf Bonaparte habe ich lange gewartet. Nicht nur auf das Konzert im Wiesbadener Schlachthof, auch auf eine solche Band an sich. Von Mia Wilkus

Der Schweizer Tobias Jundt zog 2006 von Barcelona nach Berlin - im Gepäck seine Songs - und gründete das Bandkollektiv Bonaparte. Ein demokratisches und theatralisches Kollektiv mit einem verrückt-intelligenten Diktator an der Spitze, was für eine sympathische Idee. Und die Mitglieder des Kollektivs kommen von überall her: aus Deutschland, Schweiz, Österreich, Frankreich, Polen, Neuseeland, Panama, Mexiko und Brasilien. Musiker, Tänzer, Kostümbildner, Fotografen... die genaue Besetzung der „Hedonist Army“, wie sich die Gruppe halbironisch nennt, kann man auf der MySpace-Seite der Band nachlesen. Es geht auf jeden Fall um Spaß und großzügigen künstlerischen Auslauf.

Das System Bonaparte, ein Trash-Zirkus, der seine Musik in das eigens dafür erfundene Genre „attention deficit disorder muzik“ (Aufmerksamkeitsdefizit-Musik) einordnet. Dancepunk mit pointierten Pop-Parolen lautet eine der häufiger zu lesenden Definitionen der „ADD-Muzik“. Die Songs des Debütalbums „Too much“ sind eigentlich nicht neu und wurden bis Herbst letzten Jahres noch auf den Konzerten vertickt. Das offizielle Album erschien, wie auch das folgende Doppelalbum „Remuched“ (Remixe und Livematerial), im September beim Indie-Label „Staatsakt“ und war für die Szene eins der ganz großen Alben des Jahres 2008. Privatkonzert für Quentin Tarantino. Ausverkaufte Hallen. So auch die „Circus Show“ im Schlachthof Wiesbaden, der passenderweise genauso im Kollektiv geführt wird.

„Man kennt Bonaparte nicht, wenn man uns nicht live gesehen hat.“

Und danach verlangt es, wenn man die Fotos der so großartig kostümierten Musiker und Artisten gesehen hat. Burleske, Zirkus, Musiktheater, leicht bekleidete Tänzerinnen, Uniformen und Perücken und Kostüme, schräg, wild und irre spannend. Spaß wird versprochen - und ihr Versprechen hat Bonaparte in Wiesbaden gehalten, lediglich auf die Würstchen aus dem Motto der Tour „More Blood, Sweat and Würstchen“ musste das Publikum verzichten.

Auch die Vorgruppe The Latah Movement aus Mainz stimmte diese ungeduldige Menge großartig auf den Abend ein. Fünf uncoole Jungen und Mädchen kombinieren Elemente aus Nowave, Dicsopunk, Hardcore, Hiphop, Electro und Indie-Rock zu einem frischen und tanzbaren Erlebnis.

Alles in allem eine herrlich schräge Veranstaltung im Schlachthof in Wiesbaden, doch ich persönlich hätte es gut vertragen, wenn es noch ein bisschen verrückter zugegangen wäre. In Anbetracht der kleinen Stage für immerhin sieben Musiker gibt es keinen Grund, an der Show zu mäkeln.

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