Unerbittlich im Vollzug

Frankfurt - Dass der Prophet auch im eigenen Lande etwas gilt, stellte Leonard Elschenbroich beim Museumskonzert in der Alten Oper unter Beweis. Von Klaus Ackermann

Als Solist des romantisch schwärmerischen, aber auch melancholisch stimmenden Konzerts für Violoncello und Orchester von Robert Schumann zeigte der Frankfurter Jungstar erstaunliche Reife.

Zuverlässig und inspirierend zugleich begleitet vom Frankfurter Opern- und Museumsorchester, dessen russischer Programm-Rahmen mit Mussorgskis „Nacht auf dem Kahlen Berge“ und Prokofjews Sinfonie Nr. 4 nicht von ungefähr kam. Stand doch Dmitrij Kitajenko am Dirigierpult, wie immer unerschütterlich, aber auch unerbittlich beim sinfonischen Vollzug, sei es nun Romanze oder Maschinenmusik.

Da kommt der orgiastische Hexensabbat mit seinem markanten Blechbläsermotiv, den harmonischen Querständen und den rhythmisch peitschenden Ton-Skalen gerade recht, von Rimski-Korsakow ein wenig geschönt. Gift und Galle scheint der Oberteufel Tschernobog zu versprühen. Doch beim Orgien-Abgesang, vom unvermeidlichen russischen Glöckchen eingeläutet, strahlt Kitajenko auch jene Klangruhe ab, die schon zu Zeiten als Chef des damaligen Radio-Sinfonie-Orchesters Frankfurt eines seiner Markenzeichen war.

Auch prädestiniert für Schumanns Cello-Konzert a-Moll, bei der Solist Elschenbroich, ein Ziehsohn von Geigerin Anne-Sophie Mutter, die gesangliche Oberhoheit beansprucht. Ein unermüdlicher Ankurbler beim Entwickeln des melodischen Materials, der bei starker innerer Bewegung die lyrische Grundstimmung angelegentlich aufreißt.

Der mit dem Violoncello-Vorspieler des Museumsorchesters einen wundersamen Dialog fortspinnt und nach spannendem Übergang das Rondo-Thema in immer neuen Anmutungen zeigt. Elschenbroichs schlüssiger melodiöser Durchzug unterstreicht den Fantasie-Charakter dieses Konzerts, eine urromantische Meditation, mit der gewissen Traurigkeit – Schumanns Nervenleiden kündigt sich an.

Wer als Zugabe den üblichen Bach erwartet hat, wird angenehm enttäuscht: Mit dem letzten Satz aus der Solosonate für Violoncello von Paul Hindemith verabschiedet sich beziehungsreich ein junger, schon fix und fertiger Virtuose. Schließlich war der Komponist auch Konzertmeister des Museumsorchesters. Und erweist sich noch im Solowerk als musikalische Karikaturen schätzender Bürgerschreck. Zudem ein passabler Übergang zum russischen Zeitgenossen Prokofjew, bei dessen Opus Magnum Kitajenko in seinem Element ist. Mit dem in allen Sektionen ungemein schlagkräftigen Orchester, das sich die 1947 überarbeitete 4. Sinfonie C-Dur regelrecht zur Brust nimmt, erlebt man zwischen spätromantischer Rückschau und gnadenloser orchestraler Härte einen packenden Actionfilm.

Alles scheint harmonisch in der Schwebe, auch die angedeutete Sarabande mit dem Streicher-Pizzicato wie Zuckerguss. Oder die klassizistischen Anleihen, das Stimmengefüge einsehbar, aber auch ironisch gebrochen. Oder der groteske Marsch, bei dem es final kräftig rumst. Natürlich präzise wie ein Uhrwerk.

Rubriklistenbild: © Wronski

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