„Dreigroschenoper“ bei Burgfestspielen

Mit plakativen Botschaften

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Huren, Bettler, Polizisten: Viel Volk versammelt die „Dreigroschenoper“ auf der Bühne im Hayner Burggarten.

Dreieich - Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral: Diese Allgemeingut gewordene Botschaft wird dem Publikum im Burggarten eingehämmert, bis sie sitzt. „Die Dreigroschenoper“ bei den Burgfestspielen Dreieichenhain ist ein Erfolg. Von Markus Terharn

Durch eine enge Gasse muss sie kommen. Doch als die Seeräuber-Jenny den Ohrwurm gewordenen Haifisch-Song anstimmt, öffnet sich der Spalt und offenbart zwei triste Ziegelwände. Der Blick fällt auf die Burgruine Hayn, hier als Brandmauer in einem schäbigen Teil Londons. Der ehrwürdige Bau trägt’s mit Fassung. Es scheint, als hätten Leo Volland und Lars Herzig ihre Kulisse für diesen Ort konzipiert. Und nicht für das Hessische Landestheater Marburg, das mit 40 Mitwirkenden zu zwei Gastspielen angereist ist. Im Gepäck eine Inszenierung von Intendant Matthias Faltz, die sich müht, dem viel gespielten Text Bert Brechts und der oft gehörten Musik Kurt Weills neue Töne abzugewinnen.

Sichtbarster Ausdruck ist die Besetzung des Macheath mit einer Frau. Das irritiert; ist dieser doch Mörder und Hurenbock zugleich. Indes erweist sich Oda Zuschneid als gute Wahl, ist stimmlich scharf, gipfelnd im Testament, strahlt Gefährlichkeit und Gefühlskälte aus. Die braucht Mackie Messer auch. Erwächst ihm doch im Bettlerkönig Peachum ein Gegenspieler von Format. Dem gibt Thomas Streibig die Züge eines kühl kalkulierenden Kapitalisten, der immer noch ein Ass im Ärmel hat. Ihm zur Seite Annette Müller als seine Frau, versoffen und mit Hang zum Schnippischen. Sie zählt zu den besten Sängern, ihr Lied von der sexuellen Hörigkeit ist ein Höhepunkt.

Heimlicher Star der Abende ist Marlene Hoffmann. Jennys berühmtes „Alle!“ auf die Frage, wer nun sterben muss, und ihr knappes „Hoppla!“, wenn der Kopf fällt, bringt sie mit großartiger Beiläufigkeit. Blasser bleibt Sonka Vogt als Mackies Braut und Peachums Tochter Polly. Am stärksten agiert sie im Eifersuchtsduett mit Katrin Hylla als Rivalin Lucy, hübsch in Szene gesetzt mit gleichen Kleidern in verschiedenen Farben. Kostüme: Mascha Schubert. Ein Gag ist, dass nicht etwa der Gangster wie ein Mafioso aussieht, sondern der Polizeichef. Mit Sonnenbrille und beeindruckender Körperlichkeit gibt ihn Ogün Derendell, der auch als reitender Bote mit vorgeschnalltem Pferdekopf die Begnadigung des zum Tod verurteilten Mackie verkündet. Eine bös ironische Wendung, die an Wirkung nichts eingebüßt hat.

Auftakt der Burgfestspiele 2013

Auftakt der Burgfestspiele 2013

Sonst sind Brechts abgewandelte, durch häufigen Gebrauch seit 1928 arg abgegriffene Bibelworte so plakativ, dass Regisseur Faltz sie aufschreiben und hochhalten lässt. Den wachsamen Erben des Dramatikers zum Trotz könnte der Dialog die eine oder andere Straffung vertragen. Bezüge zur Gegenwart stellen Projektionen von TV-Bildern her, etwa Aufnahmen von Unruhen. Weills Partitur hat die Zeit besser überstanden. Frisch wie am ersten Tag klingt sie von siebenköpfiger Band aus dem Zelt, unter Michael Lohmanns zackiger Stabführung nicht immer synchron mit den schallernden Schauspielern und Choristen. Den Effekt mindert das kaum. Mancher im Auditorium möchte es dem Dirigenten gleichtun und laut mitschmettern...

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