Drohender Unterton

Anton Bruckner nannte seine fünfte Sinfonie die „Phantastische“. Wohl weil sie aus irdischem tonalen Grund zielsicher gen Himmel strebt, für den tief gläubigen Spätromantiker ein erprobtes Programm. Dessen Spannungskurve zogen Paavo Järvi und das hr-Sinfonieorchester wie mit dem Lineal nach, beim Bruckner-Zyklus in der Alten Oper Frankfurt ein neuerliches Meisterstück liefernd.

Was aus Vertrautheit mit dem Stoff resultiert: Schon Eliahu Inbal hatte in seiner Frankfurter Ära die Urfassungen der Sinfonien des österreichischen Wagner-Verehrers erarbeitet. Aber auch aus dem unbedingten Gestaltungswillen des Chefdirigenten, der die klanglichen Wonnen mit drohendem Unterton in Balance hielt und die 82 Minuten wie im Flug vergehen ließ.

Von einer Übereinkunft ohne viele Worte hat der hr-Chefdirigent kürzlich geschwärmt, die Probenarbeit meinend. Ablesbar in Bruckners B-Dur-Epos, dessen instrumentale Leuchtkraft angelegentlich sogar blendet. Schon das Errichten der stabilen Pfeiler dieses sinfonischen Doms aus prägnantem Rhythmus und kraftvollem Oktavsprung hat dynamische Spitzen, als spiele da eine gigantische Orgel mit wohldosiert bewegtem romantischem Schweller. Nicht nur bei der Motivarbeit, auch im gesanglich gestalteten Choral wird die Güte der Blechbläser-Fraktion dokumentiert.

Düstere Moll-Sequenzen werden im Adagio in strahlendes Dur überführt. Wie ein Uhrpendel wirken die grundierenden Triolen, auch im nahezu attacca angepeilten Scherzo präsent, das nach flirrendem Streicherspuk in mildsüßen Dreivierteltakt mündet. Dem behaglichen orchestralen Auslaufen folgt ein unruhiger Neuansatz, ehe die an den ersten Satz anknüpfende Introduktion einen Themen-Schnelldurchgang bringt, der per kultiviertem Klarinettenton das Finale einläutet: eine Doppelfuge, die Järvi zu dreifachem Forte mit mächtigem Posaunen- und Kesselpauken-Donner steigert.

Das klingt nach Katastrophe, doch es mündet in einen grandiosen Hosianna-Hymnus, dessen Vibrationen die Zuhörer mobilisieren. Zu schier endlosem Beifallsjubel, wie man ihn beim hr-Sinfonieorchester selten erlebt hat. KLAUS ACKERMANN

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