Hamburger Band Tocotronic mit „Schall und Wahn“ deutlich gereift im fast ausverkauften Offenbacher Capitol

Düstere Philosophie und höfliche Ansagen

Gewohnt provokant beenden Tocotronic ihre Berlin-Trilogie. Nach dem Manifest „Pure Vernunft darf niemals siegen“ (2005), gefolgt von „Kapitulation“ (2007), lautet das Motto jetzt „Schall und Wahn“. Gleich was dahinter steckt, erzeugt die Wortspielerei Aufmerksamkeit. Nicht bestätigt haben sich Trennungsgerüchte, die um das Hamburger Quartett vor zwei Jahren laut wurden. Wer glaubte, Chefideologe Dirk von Lowtzow wage wie Kollege Jochen Distelmeyer von Blumfeld den Alleingang, sah sich getäuscht.

Eins steht nach 90 Minuten Dauerbeschallung im nahezu ausverkauften Offenbacher Capitol jedenfalls fest: Tocotronic klingen 2010 so, wie sie 1993 zur Gründung gern geklungen hätten – eine süffisante Mischung aus Sonic Youth und The Velvet Underground mit ganz viel Tocotronic drin. Verblüffend authentisch tönt die stilistische Annäherung an die New Yorker Noise-Pioniere verschiedener Generationen. Eine Entwicklung, die Gitarrist und Keyboarder Rick McPhail einleitete, als er 2004 festes Mitglied wurde. Über weite Strecken fusionieren die Stromgitarren Rückkopplungen auf manisch-monotonem Rhythmus, in die Frontmann von Low tzow faszinierenden Sprechgesang integriert.

Dass die gereiften Tocotronic mittlerweile einen ernsteren Stil betonen, ist unüberhörbar. Forderten sie als jugendliche Rebellen der Hamburger Schule 1995 noch ungestüm „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, loten sie nun vielschichtig realistische Themen aus. Der düstere Auftakt lässt das Blut in den Adern gefrieren mit harsch Gereimtem wie „Eure Liebe tötet mich / Auch wenn ihr bereut / Ich verzeih euch nicht“. Jugendlicher Unbefangenheit entsprungene Welteroberungsprobleme sind ernüchternder Realität gewichen: Jeder ist vergänglich! Ein Trend, der sich im dynamischen „Macht es nicht selbst“ fortsetzt, worin es heißt: „Was du auch machst / mach es nicht selbst / auch wenn du dir den Weg versperrst“.

Nach wie vor pflegen Tocotronic einen eigenartigen Dualismus, wenn mit düsterer Philosophie unterwanderte Bombardements aus der Verstärkeranlage auf Dirk von Lowtzows höfliche Ansagen treffen: „Guten Abend, meine Freunde in Offenbach und Frankfurt – ich begrüße euch aufs herzlichste“, flötet er wohlerzogen. Und vergisst auch nicht, nach jedem Song artig einen so tiefen Diener zu machen, dass es nicht verwundern würde, wenn er eine Butler-Ausbildung in Großbritannien absolviert hätte.

Tocotronic bleiben widersprüchlich bis zum Finale: „Mein Ruin ist Unverstand / Kein Märtyrer nur Komödiant / Nur aus Kälte und Distanz / Verleih ich mir den Lorbeerkranz.“ Verabschiedet wird sich in alter Tradition mit einem auf Höchststufe geschalteten Brummen der Instrumente, das wie das penetrante Geräusch eines gerade in Betrieb genommenen elektrischen Stuhls enerviert. FERDINAND RATHKE

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