Durchdacht und doch empfunden

Offensichtlich war Vital Julian Frey vielen Besuchern der Frankfurter Bachkonzerte kein Begriff; etliche Plätze blieben leer. Dabei wird der 30-jährige Schweizer von der Presse als bester Cembalist seines Landes bezeichnet und gilt als Wegbereiter einer neuen Generation dieser Instrumentalisten. Von Eva Schumann

Davon konnte sich das Publikum im Mozartsaal der Alten Oper bei Freys Interpretation von Bachs Goldberg-Variationen überzeugen, die er mit einer Purcell-Suite einleitete.

Frey trug sie in empfindsamem Stil vor, agogische Freizügigkeit nicht scheuend, mit einfallsreicher Auszierung und geschickten Überleitungen. Die Charakteristik der ausgewählten Tanzsätze, eröffnet und beschlossen mit einer „Trumpet Tune“, kamen unterhaltsam zur Geltung, von der hüpfenden Corant über den umschnörkelten Klagegesang „Sefauchi’s Farewell“ bis zum prächtigen Trompeten-Dacapo.

Bachs Goldberg-Variationen eroberte sich Frey mit inspirierter Musizierlust. Sein kantables, ausdrucksvolles, so virtuoses wie lebendiges Spiel machte den Zyklus zum Hochgenuss. Er hatte sein prachtvolles französisches Instrument mitgebracht, einen zweimanualigen Kielflügel, Nachbau eines Goujon-Cembalos mit warmem, vollem Klang. Seine Register nutzte er zu farbiger Differenzierung der Sätze und Variierung der Reprisen.

Obwohl Frey selten auf die Reprisen verzichtete, war die 32-teilige Folge dank des Reichtums durchdachter, tief empfundener Gestaltung höchst kurzweilig. Wie die freien Sätze in Tanzformen, als Ouvertüre, expressive Arie energische Fughette oder rauschende Toccata, hatten die kunstvollen Kanons ihren eigenen Reiz – tänzerisch die Variation Nr. 3, empfindsam der Terzkanon Nr. 9. Im Sextkanon schienen zwei Kavaliere Komplimente auszutauschen, in Nr. 21 veranstalteten zwei Stimmen ein lustiges Rennen. Das vielstimmige Quodlibet mit seinem Volksliedzitat klang anmutig.

Frey verzichtete nicht auf Noten, doch wie die Pausen vorbereitender Versenkung zeigten, hatte er die Sätze gespeichert. Wie gut er sein Publikum den in Bann zog, zeigte die gespannte Stille während des anspruchsvollen Programms. Auch dies widerlegte die Anekdote, Bach habe die Variationen als Einschlafmusik für einen Grafen konzipiert. Trotz starken Beifalls verzichtete Frey auf eine Zugabe.

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