Ermatteter Selbstläufer

Frankfurt - „Jahrhundertkonzert“. Weniger großklappert als mit diesem auf dem Programmzettel vorausgeschickten hohl tönenden Stoß ins rhetorische Horn geht’s wohl nicht. Von Stefan Michalzik

Es mag sich bei dem dergestalt gepriesenen Abend um einen „Event“ gehandelt haben – von einem ernstlichen Ereignis hingegen lässt sich nicht künden.

Carl Orffs „Carmina burana“ ist, seitdem das Stück von den achtziger Jahren an ob der vielfachen Verwendung seines eröffnenden und abschließenden Chores „O Fortuna“ einen ungebrochenen Popularitätsschub erfahren hat das, was man in der Konzertbranche einen Selbstläufer nennt. Das Zuschauerinteresse scheint nimmer zu enden. Auch zum jüngsten Konzert in der Frankfurter Alten Oper ist der Saal gefüllt – eine Wiederholung in Jahresfrist bereits annonciert.

Unter der Leitung des Dirigenten Jörg Mikula geriet zunächst einmal Mozarts Krönungsmesse KV 317 mit dem Chor der Prager Staatsoper sowie dem wohl speziell für derartige reisende Aufführungen zusammengestellten Philharmonic Classic Orchestra sowie dem Solistenensemble um die Sopranistin Liana Sass, den Tenor Nikolai Visnjakov und den Bariton Jakob Kettner merkwürdig fahl und musikalisch nicht sonderlich beredsam.

1937 an der Frankfurter Oper uraufgeführt

Auf Carl Orffs Carmina burana, 1937 an der Frankfurter Oper uraufgeführt, prägte Strawinsky ob des Rückgriffs auf die Mystik des Mittelalters das geflügelte Wort vom „Neo-Neandertalismus“. Orff, der anfänglich Debussy und Schönberg bewunderte, war einen Sonderweg in die Musik des zwanzigsten Jahrhunderts gegangen, durchaus mit einer Nähe zum Schönberg-Antipoden Strawinsky. Für seine himmelsstürmerische Art einer modernistischen Renaissance des Rituellen waren auch die Nazis empfänglich. Orff, der auf einer Liste jener „Gottbegnadeten“ geführt worden ist, die vom Dienst an der Front freigestellt wurden, hat sich den Machthabern angedient und Auftragsarbeiten für das Regime geschrieben; er ist als Mitläufer einzustufen. Der mickrige Programmzettel blendet das in seiner ungebrochenen Jubelstimmung unseligerweise aus.

Die Lasershow, die als besondere Attraktion offeriert worden ist, tat sich durch bemerkenswerte Lachhaftigkeit hervor. Da umschwärmen analog zu Orffs auf die im 12. Jahrhundert verfasste Benediktbeurer Handschrift zurückgehendem Lobpreis von Glück, Liebe und Natur buntstrichige Schmetterlinge in Blütenkelche, Bücher bekommen Flügel, Jesuskreuz und Buddha, grafische Spielereien, aufgefächerte Strahlenbündel über den Köpfen des Publikums – angesichts dieses geballten Trashs musste man für Pausen dankbar sein. Die musikalische Aufführung wirkte im Klangbild merkwürdig verwaschen. Mehr als Durchschnitt wurde auf allen Ebenen – Chor, Orchester, Solisten – nicht erreicht.

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