„Egmont“ als Gipfel der Klassik

Frankfurt - Scharf trumpft Tobias Moretti auf, pathetisch im Ton, wienerisch im Zungenschlag. Ein Freiheitsdrama, dieser „Egmont“, heute eher selten gespielt. Damals, 1810 in Wien, kam es künstlerisch zum Gipfeltreffen. Von Axel Zibulski

Für eine Neuinszenierung des Goethe-Werks hatte Ludwig van Beethoven die Musik komponiert.

Das hr-Sinfonieorchester machte nun in der Alten Oper mit Beethovens gesamter „Egmont“-Musik op. 84 bekannt, vom opernversierten Gastdirigenten Bertrand de Billy kompetent geleitet. Dass die neun Musik-Nummern, die auf die einzig häufig zu hörende „Egmont“-Ouvertüre folgen, eher den Charme von Gelegenheitswerken haben, mag genretypisch sein: Schauspielmusiken waren letztlich Gebrauchsmusiken. Klug also stellte Bertrand de Billy mit Beethovens Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67 ein Schwergewicht gegenüber, ein dramaturgisch passendes zudem, weil sich in beiden zwischen 1808 und 1810 entstandenen Werken die Harmonik bevorzugt von Moll nach Dur hebt.

Textklar, feinsilbrig, kokett

Die Musik zu „Egmont“ hätte als Rarität gut für sich stehen können. Jedoch steuerte Tobias Moretti zwischen ihren Teilen Goethe-Fragmente bei, seine Aufgabe kräftig überbewertend. Morettis altmodisch-pathetischer, viel zu dominanter Tonfall jedenfalls wollte so gar nicht zwischen die ungleich frischer, natürlicher klingenden musikalischen Sätze passen. Denn die Oboe sang ihre erhabene Zwischenaktmusik elegant, die Pauken grundierten die finale „Siegessinfonie“ kontrolliert, erst das kurze Melodram davor schien Moretti zu erden. Hingegen gelangen Christiane Karg, Mitglied im Frankfurter Opernensemble, ihre beiden Clärchen-Lieder vorzüglich – textklar, feinsilbrig, kokett.

Beethovens schicksalhafter Dauerbrenner der fünften Sinfonie zeigte im zweiten Programmteil unter Bertrand de Billys Leitung ebenfalls viel Frische – hier weniger durch die Wahl der Tempi, die der regelmäßige Gast an der Wiener Staatsoper nämlich nie zu straff ansetzte, sondern vor allem durch eine geschärfte, trennklare Diktion. Die in historischer Aufführungspraxis bestens informierten hr-Sinfoniker konnten selbst den Naturhorn-Sound so elegant einstreuen, dass manch französisch geprägtes Klangideal Bertrand de Billys bestens zur Geltung kam: So spannend, vor allem aber so facettenreich hat man Beethovens Sinfonie mit dem Schicksals-Motiv jedenfalls lange nicht gehört.

Rubriklistenbild: © pixelio.de/Britta Schlüter

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