Eine Stadt im Korngold-Fieber

Frankfurt bleibt im Korngold-Fieber. Nach der „Toten Stadt“, erfolgreich an der Oper inszeniert, kam jetzt das Violinkonzert des Brünners aus Wien, der in Hollywood einen Filmmusik-Oscar einheimste, beim Museumskonzert zu Ehren. Von Klaus Ackermann

Dank des Geigen-Fräuleinwunders Arabella Steinbacher, die neben sympathischem Glamour-Faktor vor allem einen stupenden Gestaltungswillen bezeugte. Und des mittlerweile zum Korngold-Spezialisten avancierten Generalmusikdirektors Sebastian Weigle, der nebenbei nachwies, wie schwerelos und durchsichtig Tschaikowskys fünfte Sinfonie bei allem Besetzungsaufwand klingen kann, wenn sie nicht im melodramatischen Breitwand-Format daherkommt, sondern vom Frankfurter Museumsorchester in nahezu klassischer Balance gehalten wird.

Als Einstieg kommt Johann Sebastian Bachs Ouvertüre Nr. 4 D-Dur, eine Suite kunstvoll gewendeter Tanzformen, gerade recht. Denn schon da ist bei allem temporeich bewegten Miteinander stimmliche Ausgewogenheit Programm. Weigle hat die mit vielen Soli betrauten Oboen vor den Streichern platziert, was in Verbindung mit festlicher Trompeten-Garnitur weihnachtlichen Glanz beschert. Doch neben feierlichem Grave und im Dreiertakt wiegender Hirtenmusik gibt es manchen vergnüglichen Dialog schnellen Streicherzuschnitts – nicht nur in der finalen Réjouissance, reine Lustbarkeit.

Erich Wolfgang Korngold (1897-1957) hatte sein Violinkonzert D-Dur zwar früh begonnen, aber erst spät vollendet, dessen Unspielbarkeit der legendäre Jascha Heifetz zur Uraufführung 1947 widerlegte. Und er hat in allen melodiösen Themen auf frühere Filmmusiken zurückgegriffen, deren konzertante Reife unterstreichend.

Welch begnadeter Melodiker der Spätromantiker war, zeigt die junge Geigenfrau auf ihrer noch im Flageolett tonstabilen Stradivari, vor einem orchestralen Vorhang – durchsichtig wie Gaze – sinnlichen Zauber verströmend, der ebenso in Bann schlägt wie ihre fulminante Technik in den ständigen Doppelgriff-Kadenzen. Souverän auch ihr gestalterischer Gestus, immer makellos abgesichert vom Korngold kundigen und diesen Komponisten spürbar schätzenden Museumsorchester.

Dem Kräfte zehrenden Korngold schickt die junge Solistin noch ein Charakterstück des großen Geigers Fritz Kreisler nach, ungarisch getönt, mit teuflischem Geschwindteil – das virtuose i-Tüpfelchen. Ehe Sebastian Weigle sich für Tschaikowskys Sinfonie Nr. 5 e-Moll stark macht, zwischen selbstquälerischem Moll und völlig pathosfreiem Dur eine stringente dramaturgische Kurve ziehend, von einer Art Schicksalsmotiv überzogen. Mittendrin Ohrwürmer wie das klagende Fagott-Thema oder die stark empfundene Horn-Melodie, der sehnsüchtige Walzertraum, aber auch dramatisch aufbegehrendes Blech und peitschende Streicherschauer. Weigle und Tschaikowsky – da sind zwei Chefdramatiker im Bunde. Ohne dass es klanglich klumpt ...

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