Einsätze von einem Flügel zum anderen

Pierre-Laurent Aimard war 19 Jahre alt, als er Mitglied des Pariser Ensemble InterContemporain wurde. Fast genauso viele Jahre blieb er Studiopianist des Ensembles, das 1976 auf Anregung des Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez gegründet wurde.  Von Axel Zibulski

Boulez arbeitet eng mit den Experten für zeitgenössische Musik zusammen, und so dürfte kaum ein Pianist enger mit ihm vertraut sein als eben Aimard.Beide Franzosen stehen in der Alten Oper Frankfurt im Fokus. Dem einen ist das Komponisten-, dem anderen das Interpretenporträt der „Auftakt“-Konzerte gewidmet.

Beim ersten Interpreten-Konzert ging Aimard zurück in Boulez’ kompositorische Vergangenheit. Zwei Werke aus der Mitte des 20. Jahrhunderts spielte er im Mozartsaal, die 1956 begonnenen „Structures II“ mit seiner Schülerin Tamara Stevanovich an zwei Klavieren.

Serieller Darmstädter Wind

Serieller Darmstädter Wind weht durch den ersten Satz, „Kapitel“. Das fünf Jahre später entstandene zweite Kapitel überlässt vieles der Gestaltung durch die Interpreten, die Passagen frei platzieren dürfen. Eifrig gaben Aimard und Stevanovich einander mit ausgestreckten Armen Einsätze von Flügel zu Flügel; ein Werk wie ein Match, hier mit offenem Ende.

Noch immer nicht veröffentlicht sind drei der fünf Sätze jener dritten Klaviersonate, an der Boulez seit 1955 arbeitet. Die beiden vorhandenen hatte Aimard zuvor mit soviel Überblick gespielt, dass er sogar der stark geforderten Notenblatt-Wenderin die Einsätze geben konnte.

Aus den Noten las Aimard im ersten Teil auch Wolfgang Amadeus Mozarts Klaviersonate D-Dur KV 284, allerdings bei weitem nicht so souverän wie bei Boulez. Mehr seziert als organisch klang seine Deutung, in Anschlag und Dynamik spärlich differenziert. Ähnlich blass blieb die mit Stefanovich musizierte Sonate D-Dur für zwei Klaviere KV 448. Aimard hat sich dem klassisch-romantischen Repertoire von der Moderne aus genähert, seine Frankfurter Interpretationen von Beethoven-Klavierkonzerten mit dem NDR-Sinfonieorchester sind in bester Erinnerung. Bei Mozart scheint er noch nicht angekommen zu sein ...

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