Ein einsamer italienischer Mann

Wo die Violine schluchzt, ist der Vorwurf des Kitsches schnell bei der Hand. Kein Gedanke bei Paolo Conte. Bei ihm ist alles ein bisschen anders. Einer wie er darf sich sogar bisweilen eine schluchzende Violine erlauben.

Paolo Conte darf sich überhaupt so ziemlich alles erlauben. Mögen seine großartigsten Alben auch annähernd 30 Jahre zurück liegen und das neueste „Psiche“ wie schon viele seiner Vorgänger kaum mehr als Respektables im bekannten Stil repräsentieren: Dafür mächtig gefeiert zu werden vor einem vollen Haus in der Frankfurter Alten Oper ist ein Paolo Conte allemal noch gut mit seinen in der körperlichen Erscheinung unleugbaren 72 Jahren.

Ungeachtet der Spuren der Zeit hat der Mann nach wie vor das gewisse Alles. Im schwarzen Anzug sitzt der Grandseigneur des Malcanto am Klavier und raunt, begleitet von einem Ensemble aus acht Musikern, seine Lieder. Sonst muss einer wie er nicht viel tun. Gelegentlich stellt er einen Musiker vor; am Klavier lässt er sich gelegentlich vertreten und steht dann am Mikrofon. Beim Applaus beteuert er bisweilen das Publikum oder dankt ihm mit ein paar launig kantigen, sehr italienischen Gesten.

Dass die Deutschen nicht verstehen, was Paolo Conte singt, ist so wenig ein Manko wie bei der italienischen Oper. Seine Kunst lebt von der Distanz, er ist nie der Protagonist seiner Lieder, sondern der Erzähler. Jedes Lied kommt einem kompakt in wenige Minuten gefassten musikalischen Film gleich. Contes eigenem Bekunden nach handelt er immer von einsamen italienischen Männern der Nachkriegszeit, die das Lächeln neu lernen und sich wieder zurück ins Leben trauen mussten.

Vermittelt wie die Gefühle es sind, ist auch die Musik. Der Jazz aus alter Zeit, Paolo Contes große Liebe, ist bei ihm keine nostalgische Annäherung an die Originale von Louis Armstrong & Co. Es geht eher um eine Anverwandlung auf einer zweiten Ebene, auf der Grundlage eines vom französischen Chanson übernommenen Modells, in dem auch Spuren von Tango, Flamenco, afrikanische Rhythmen und Schlager ihren Platz haben. Und immer ist es die Erzählung, um die es geht, alles andere ist das – instinktsicher eingesetzte – Mittel der musikalischen Inszenierung.

Spät hat der Anwalt aus dem piemontesischen Asti, der zunächst Hits wie Adriano Celentanos „Azzurro“ geschrieben hat, sich selber auf die Bühne getraut; mit Anfang 40 erst stellte sich Ende der 70er Jahre der Erfolg ein. Die Lieder von Paolo Conte fielen schon damals aus der Zeit heraus. Das gereicht ihnen heute zum Vorteil: Mag der Sänger auch gealtert sein, seine Lieder sind es nicht.

STEFAN MICHALZIK

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