„Einspringerin“ war auf Anhieb Chefin im Ring

Wiesbaden - Von wegen Ersatzspielerin – Baiba Skride war beim technisch tückischen Violinkonzert d-Moll des Franzosen Edouard Lalo von Anbeginn Chefin im Ring. Von Klaus Ackermann

Die lettische Geigenfrau hatte kurzfristig Norwegens Vilde Frang vertreten, die „leider den Solopart in Lalos Symphonie espagnole (so der Untertitel) nicht wie angekündigt spielen kann“, wie es lakonisch, aber vieldeutig im Programmheft zum Rheingau-Festival-Abend heißt. Zweites großes Thema im Kurhaus Wiesbaden war Dvoraks Achte, offenbar ein Herzensanliegen der Prague Philharmonia und ihres jungen Maestro Jakub Hrusa.

Mit Beethovens „Leonoren-Ouvertüre“ Nr. 3 C-Dur stellt sich ein jugendfrisches Prager Orchester vor, dessen Chefdirigent der hoffnungsschwangeren Schwere des Vorspiels von Beethovens Oper „Fidelio“ mit feinen dynamischen Nuancen und Klarsicht auf muntere stimmliche Verläufe begegnet. Dass da ein Gefangener in tiefer Grabesgruft schmachtet, unterstreicht sogar die Klimaanlage des Kurhaus-Saals, aufs Parkett rechts vorübergehend einen Geruch von Moder abgebend.

Ideal aufgehoben im Kurhaus-Ambiente ist die dem spanischen Teufelsgeiger Sarasate gewidmete Symphonie espagnole, deren tänzerische Leichtigkeit bei typischem iberischem Idiom die zahllosen virtuosen Klippen vergessen lässt. Vor allem in Baiba Skrides bewährten Händen, durch deren Adern möglicherweise Zigeuner-Blut fließt. Souverän entwickelt sie das süffige Melos, gern um einen Zentralton, um ein Intervall kreiselnd, um dann so virtuos und figürlich variantenreich abzuheben, dass einem die Luft wegbleibt.

Ob nun Habanera oder die Essenz des Tangos, Skrides Stradivari „Ex Baron Feiltzsch“ singt, weint und zwitschert, dass es eine Lust ist. Und das spürbar befeuerte Orchester federt dies alles rhythmisch so urspanisch aus, dass man die Kastagnetten zu hören glaubt, obwohl es „nur“ die Triangel ist. Alle Jahre wieder Baiba Skride im Rheingau, der Wunsch sollte in Erfüllung gehen.

Nach spanischem Feuerwerk dann Geschichten aus dem Böhmerwald, die Dvoraks Sinfonie Nr. 8 G-Dur in vier ausführlichen klanglichen Kapiteln erzählt. Für Jakub Hrusa und Prague Philharmonia eine nationale Verpflichtung. Exemplarisch werden die vielen malerischen Momente, die an Filmmusik gemahnenden dramatischen Entwicklungen aufbereitet und legato miteinander verwoben. Dem Balladenton der große böhmische Tradition belebenden Holzbläser folgt ein Walzertraum im süffigen Moll. Ein grandioser wie zackiger Blechbläser-Aufzug, bei dem es auch einmal betont rumpelt, mündet in choralmäßige Andacht. Bei der Philharmonia und ihrem perfekten Taktgeber Hrusa ist da klangfarblich alles drin. Zum Glück wird nie zu dick aufgetragen …

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