Konzert in Hugenottenhalle

Elaiza überrascht mit hinreißendem Crossover-Pop

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Ela Steinmetz zappt sich mit wandelbarer Stimme durch unterschiedliche Stile und Stimmungen.

Neu-Isenburg - Elaiza waren die Überraschung der deutschen Vorauswahl zum Eurovision Song Contest, nun sind die drei Musikerinnen auf Tournee und präsentierten sich in der Hugenottenhalle als hervorragende Live-Band. Von Peter Müller

Vergessen wir mal die Frau mit Bart und den wenig ruhmreichen Platz 18 beim ESC-Finale. Lassen wir zudem das Klischee beiseite, dass nur ein ausverkaufter Live-Gig wirklich gut sein kann. Und ignorieren wir einfach auch den schwerst schleppenden Start ihrer „Gallery“-Tour. Was dann bleibt? Ein schlicht großartiges Elaiza-Konzert in der Hugenottenhalle! Und das mit drei Jungs verstärkte Mädel-Trio von der Neo-Folk-Front kann inzwischen sogar hinreißenden Crossover-Pop.

Natürlich war die Enttäuschung deftig, als ihre fröhlich rustikale Polka-Melancholie „Is it Right“ beim Conchita-Wurst-Festival in Kopenhagen unter ferner liefen strandete. Aber wie das eben ist: So fieberhaft die Download-Raten des deutschen Contest-Ohrwurms vorher in die Höhe geschnellt waren, so flugs versandete jetzt irgendwie der Hype um Elaiza - mal abgesehen davon, dass den Mädels nach ihrer ESC-Visite per Facebook gleich diverse Heiratsanträge aus China entgegen geflattert waren.

Erfrischend kreativ und authentisch

Geflissentlich übersehen wurde und wird anscheinend, dass Sängerin Elzbieta „Ela“ Steinmetz, Yvonne Grünwald (Akkordeon) und Bassistin Natalie Plöger richtig tolle Musikerinnen sind - unkonventionell zwar, aber auf ganz eigene Art erfrischend kreativ und authentisch. Leider hat sich das noch nicht rumgesprochen. Die gnadenlos sympathischen Drei sind mit ihrem zweiten Album „Gallery“, einem ganzen Strauß selbst geschriebener Songs und souveräner Background-Band (Drums, Gitarre, Keyboard) nämlich zum ersten Mal auf Tour - aber kaum einer geht hin.

Eine Handvoll Auftritte mussten bereits abgesagt werden, und auch in der bestuhlten Hugenottenhalle verlieren sich nicht mehr als 100, vielleicht 120 Fans. Die allerdings erleben ein klasse Konzert, das so gar nicht nach der von Radiomachern oft gescholtenen Salon-Folklore klingt. Elaiza live, das eine ziemlich bunte Mixtur aus E-Piano-Balladen wie „Invisible Line“ oder „Circle Of Life“, Karawanken-Lambada der Marke „Lemonade“ oder „Workaholics“ und munter durch die Genres stürmendem Polka-Pop wie „I Don’t Love You“ oder „Green“.

Elaiza verzaubert die Hugenottenhalle

Elaiza verzaubert die Hugenottenhalle

An vorderster Front wie gehabt die wilde „polnische Ukrainerin“ Ela Steinmetz, die sich mit unglaublich wandelbarer Stimme - mal zerbrechlich, mal spielerisch, mal mit ganzer Frauenpower - durch unterschiedlichste Stile und Stimmungen zappt. Ohne auch nur einmal zu wackeln, aber immer mit ansteckendem Spaß an der Freude und perfektem Timing. Überhaupt wirkt die gesamte Show so wunderbar unverstellt, ungeschminkt und ungekünstelt, dass es einen mit jeder Minute mehr begeistert. Hier wird handgemachte Musik gelebt, die konsequent und glaubhaft von Emotionen erzählt, die ehrlich ist und direkt aus dem Herzen ins Herz geht.

Dabei spielt es offenbar keine Rolle, ob die Mädels nun vor vier Millionen TV-Zuschauern oder vor 40 zahlenden Fans im kleinen Club an der Ecke spielen - die positive Ausstrahlung ist die gleiche. Und die Elaiza-Songs, so anachronistisch diese Melange aus modernem Pop, „Dresden Dolls“-Elementen und traditionellem Osteuropa-Folk zuweilen daherkommen mag, sind echte Entdeckungen - gerade live, wenn Natalie Plöger auch mal zum E-Bass greift, Yvonne Grünwald ins Mini-Vibraphon klöppelt oder die drei Mannen im Hintergrund für kernige Grooves sorgen. Fazit: ESC-Pleite hin, Conchita-Wurst-TamTam her - die drei formidablen Mädels gehören gehört und gefeiert.

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