Ensemble Modern zum Thema „Nation“

Großmacht-Splitter musikalisch aufgelesen

Frankfurt - „Nationalkomponist“? Dieser auf das 19. Jahrhundert zurückgehende Begriff käme einem angesichts der vier Positionen des Konzertabends in der Alten Oper Frankfurt nicht in den Sinn. Von Stefan Michalzik

Gemeinsam mit dem Ensemble Modern hatte das Prager Goethe-Institut im vergangenen Jahr 27 junge Komponisten aus Osteuropa zu einem Workshop um die Frage der nationalen Identität nach dem Zerfall der Sowjetunion nach Frankfurt eingeladen.

Schon der Titel „Woher? Wohin? Mythen, Nation, Identitäten“, unter dem das Ensemble Modern nun im ersten von zwei Konzerten im Mozartsaal Ergebnisse von vier Teilnehmern aus Lettland, Polen, Slowenien und Ungarn präsentierte, verweist auf eine diskursive Tendenz. Durchaus nicht überraschend ist es das internationalistische Idiom der zeitgenössischen Musik, in dem sich das Komponistenquartett auf seine Weise bewegt.

Die Ungarin Judit Varga, Jahrgang 1979, lieferte ein explizites Plädoyer für die Individualität ab. In „Entitas“ teilt sie zwölf Musiker in drei Gruppen ein, jeweils fünf Bläser und Streicher, Klavier und Schlagwerk bilden eine dritte. Varga erforscht die jeweiligen klanglichen Möglichkeiten der Instrumente, samt Schlägen auf den Korpus und den gestrichenen Metallplatten eines Vibraphons. Varga lauscht den Klängen nach, introspektiv mutet das an.

Texte von fünf Schriftstellern ihres Heimatlandes hat sich die 1982 geborene Slowenin Nina Senk das Libretto zu ihrem multilingualen Stück „Twenty in Five“ für Sprecher – sachlich sonor: der Perkussionist David Haller – schreiben lassen. Es handelt sich um eine triftige programmmusikalische Revue um den Status des nach der Spaltung Jugoslawiens neu entstandenen Landes. Schwelende Tutti und perkussive Eruptionen sind das Kennzeichen des Ensemblestücks „Sedimetron“ von Pawel Hendrich, geboren 1979 im polnischen Breslau. Es herrscht ein geordnetes Durcheinander der Stimmen.

Der 1982 in Lettland geborene Kristaps Petersons hält es mit dem Humor, sein fünfsätziges Ensemblestück „Money“ erinnert an das Schelmentum Mauricio Kagels. Petersons karikiert das Phänomen des wirtschaftlichen Aufstiegs und der Krise seines Landes. Gleich am Anfang überreicht die gleichfalls aus Lettland stammende Dirigentin Anu Tali dem Violinisten einige Geldscheine, der drapiert sie klanghinderlich zwischen den Saiten. Die Perkussionistin wirft Münzen in einen Gong. Das Stück „funktioniert“ auf einer vordergründigen Ebene, zugleich ist es von bestechender kompositorischer Konsequenz. Die Musiker geben Signale, schwingen die revolutionäre Faust oder formen das Victory-Zeichen; einer wirft einen Papierflieger ins Publikum. Die Dirigentin wendet sich dem Publikum zu. Hier nun ist es ein Spiel, auffällig war die kapellmeisterlich strenge Zeichengebung der Talis, die ihr Debüt beim Ensemble Modern gab, allerdings auch schon zuvor, mithin im Ernst.

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