Entliehene Elektronik

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Friedrich Schiller

Offenbach - In seinem relativ kurzen Leben schrieb der Dichter Friedrich Schiller zahllose Werke. Viele Worte sind nicht die Tugend von Christopher von Deylens gleichnamigem Musikprojekt – die Sprache von Schiller sind digitale Töne. Von Ferdinand Rathke

Mit dem sechsten Album „Atemlos“ gastiert der Studiotüftler vor begeistertem Publikum in der fast ausverkauften Offenbacher Stadthalle. „Lausche und erlebe“ heißt die Devise des zweieinhalbstündigen Meditationsdiskurses. Mit verlegenem Lächeln lugt der einstige Student der Betriebswirtschaftslehre und angewandten Kulturwissenschaften aus den Instrumenten hervor. Auch im 11. Jahr kann es der Wahlberliner kaum fassen, welchen Zuspruch sein Klangkonzept mit opulenter Lichtdramaturgie erfährt.

Erstaunlich, denn die Traumreise, meist instrumental, manchmal mit den Sängerinnen Kim Sanders, Kate Havnevik und Anggun, entpuppt sich als Wiederaufbereitung von Bekanntem. Bei ihren Landschaftsmalereien bedienen sich der Echo-Gewinner und seine fünfköpfige Crew der Pioniertaten diverser Elektronik-Ikonen: In neuem Kontext sind Zitate von Tangerine Dream, Klaus Schulze, Jean-Michel Jarre, Pink Floyd und Alan Parsons Project auf hohen Wiedererkennungswert getrimmt.

Da passt es, dass der Multi-Instrumentalist den Jarre-Tour-Schlagzeuger Cliff Hewwit für sein sensitives Wellness-Erlebnis engagiert hat. Der drischt so auf die Electronic Drums wie der von Söhne Mannheims entliehene Ralf Gustke auf das akustische Schlagzeug. In Lohn und Brot bei Nena stand Gitarrenvirtuose Andreas Binder. Pop-Geschichte schrieb Bassist Manfred Thiers als Mitglied von Randy Pie und Moti Special. Keyboarder Christian Kretschmar arbeitet für Marianne Rosenberg und Pohlmann.

Mit Sinn für Dramatik wählt von Deylen seine Stimmungsbilder aus. Einerseits promotet er das aktuelle Album; andererseits dürfen Hits wie „Nachtflug“, „Sehnsucht“ und „Ein schöner Tag“ nicht fehlen. Stimmig aber wird’s, wenn die Musiker aus dem Korsett ausbrechen, um ansatzweise zu improvisieren. Dann wirken Schiller wie eine Formation mit ureigener Identität.

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