Erstaunlicher Grad an Reife

Der Gute Geist derMusikgemeinde Rödermark, Uta Endrigkeit, ist zwar nach Bonn verzogen. Aber das Programm zeigt ihre anspruchsvolle Handschrift. Verheißungsvoll war die Saison-Eröffnung im Rothaha-Saal mit dem Atrium Quartett. Von Eva Schumann

Das anno 2000 am St. Petersburger Konservatorium gegründete Ensemble, seit kurzem in Berlin zu Hause, umrahmte ein Schostakowitsch-Quartett mit Mozart und Mendelssohn. Auch ihnen Schostakowitsch am meisten liegt, so war doch keineswegs weniger Liebe und Sorgfalt bei den deutschen Werken zu spüren.

Mozarts d-Moll-Streichquartett KV 421 ist das zweite aus der Haydn gewidmeten Sechsergruppe, vom Komponisten als „Frucht einer langen und mühevollen Arbeit“ bezeichnet. Primarius Alexey Naumenko und sein Ensemble überzeugten mit Klangregie und ausgefeilter Gestaltung der Klangrede. Die Anfangstakte führten sie wie ein zärtliches Streicheln ins Geschehen ein, um dann viel Expressivität zu entfalten, gepaart mit feiner Differenzierung in Klangfarbe, Dynamik und Ausdruck. In der dichten, polyphonen Durchführung des Kopfsatzes offenbarten sie Dramatik; energisch packten sie das Menuett an. Anmutig ließen sie den Klang im Andante aufblühen und gaben dem Finale tänzerischen Charme. Im Trio des Menuetts vermisste man indessen Leichtigkeit und Witz.

Mit Ironie interpretiert

Keineswegs an Ironie fehlte es bei der Interpretation von Schostakowitschs Es-Dur-Quartett Nr. 9 von 1964. Bei den fünf Sätzen unterschiedlichen Charakters, die „attacca“ ineinander übergehen, konnte das Ensemble Differenzierungskunst beweisen. Es verband die Satztypen reaktionsschnell und mit gewandten Überleitungen. Spieltechnische Raffinessen beherrschten die Musiker glänzend. Cellistin Anna Gorelova, der zweite Geiger Anton Ilyunin und der Bratscher Dmitri Pitulko kamen solistisch zum Zuge. Vor allem die Mittelstimmen legten ein stürmischeres Temperament an den Tag als der sensiblere Primarius. Dennoch stimmte das Zusammenspiel perfekt.

Ein Höhepunkt war das a-Moll-Quartett op. 13 von Mendelssohn. Das Werk des Achtzehnjährigen ist beeinflusst von späten Beethoven-Quartetten und zeugt doch von Eigenständigkeit und Reife. Die strukturelle Vielfalt, zugleich durch ein Liedmotiv zyklisch verbunden, stellt erhebliche Ansprüche an die übergreifende Gestaltung. Auch hier war das Atrium Quartett überzeugend. Leidenschaftlich, vorwärts drängend spielte es die Kontraste aus. Erstaunlich war nicht nur die Einfühlung der jungen Musiker in die romantische Klangsprache, sondern auch die Kombination von jugendlichem Temperament mit souveräner Ruhe.

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