Extreme ausgelotet

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Peter Tschaikowskys Violinkonzert D-Dur op. 35 hat längst den bei der Wiener Uraufführung 1881 noch geltenden Nimbus der Unspielbarkeit verloren.

Frankfurt - Da mag der Violinbogen noch so haaren: Alina Pogostkina bleibt kühl, routiniert, souverän. Peter Tschaikowskys Violinkonzert D-Dur op. 35 hat längst den bei der Wiener Uraufführung 1881 noch geltenden Nimbus der Unspielbarkeit verloren. Von Axel Zibulski

Solistinnen wie die 1983 in St. Petersburg geborene, heute in Deutschland lebende Alina Pogostkina können das Werk locker spielen, ohne zu hadern, sich daran zu reiben. Genau das hätte man sich im Frankfurter Konzert mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra manchmal gewünscht. Der Kopfsatz mit seiner früh platzierten Kadenz zog in der Alten Oper so glatt vorbei, dass sich nicht einmal die einhaltende Canzonetta des langsamen Satzes recht absetzen wollte. Technisch makellos, aber auch nüchtern breitete Pogostkina diesen Violin-Gesang aus. Dabei hätte Dirigent Andris Nelsons einen anderen Weg ermöglicht: Betont langsam tastete er sich in das Konzert hinein, ließ die Tutti-Streicher weich und gedeckt klingen: Mit ihm wäre es Pogostkina gewiss möglich gewesen, gerade die lyrischen Seiten bestens auszuhorchen.

Seit zwei Jahren ist der 1978 in Lettland geborene Nelsons Musikdirektor in Birmingham, in dieser Funktion Nach-Nachfolger des zu den Berliner Philharmonikern gewechselten Simon Rattle, der dem 1920 gegründeten Orchester einen Qualitätsschub verliehen hatte. Daran anknüpfen kann auch Nelsons, wie sich im zweiten Programmteil mit Tschaikowskis Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64 zeigte. Nelsons bevorzugt das klangsinnliche, weiche und warme Melos; gerade darin folgte ihm das Solo-Horn im zweiten Satz traumwandlerisch sicher. Aber er schärfte die Dramaturgie auch mit einem nur manchmal mechanisch wirkenden Ausloten der Extreme – freilich nicht der schlechteste Ansatz für Tschaikowskis düster beginnenden, triumphal endenden und hier nicht zuletzt technisch glanzvoll interpretierten Repertoire-Klassiker.

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