Exzentrisch mit Lust an Experimenten

Verhaltensforscher wissen aufgrund langjähriger Studien, dass der Mensch im fortgeschrittenen Alter zur Schrulligkeit neigt und charakterliche Eigenheiten sich verstärken. Von Ferdinand Rathke

Rickie Lee Jones bestätigt diese Erkenntnisse, wenn sie zu Beginn ihres mehr als zweistündigen Marathons im Frankfurter Mousonturm ein wenig indisponiert wirkt – als nagte der Zickzackkurs ihrer Europatournee an der 55 Jahre alten Sängerin und Komponistin, die kurz eine Liaison mit Knarzstimme Tom Waits pflegte. Kaum verständlich nuschelt sie Ansagen ins Mikrofon. Es ist schwer, auf Anhieb Texte zu verstehen. Neu ist das alles nicht. Denn unangepasst gab sich die im schlabberigen Hippie-Look gekleidete Jones schon 1979, als ihr Debüt weltweit sämtliche Verkaufsrekorde brach.

Scheinbar wahllos blättert sie im reichhaltigen Poesie-Repertoire aus mehr als einem Dutzend Studioalben der jüngsten drei Dekaden. Mischt aufs Gerüst reduzierte Klassiker wie „Chuck E.’s In Love“, „On Saturday Afternoons In 1963“ oder „A Lucky Guy“, auf die alle warten, mit den nicht leicht verdaulichen Epen ihres neuen Werks „Balm In Gilead“, schlicht begleitet von Bass und Schlagzeug. Nach jazzigem Auftakt mit „It Takes You There“, „It Must Be Love“ und „Sailor Song“ überblendet die Exzentrikerin subtil ins Segment Singer/Songwriter. Lässt sogar spontan mit der gemurmelten Einleitung „I just had a bizarre idea“ eine wunderbar gefühlsintensive Version des inflationär besungenen Traditionals „House Of The Rising Sun“ folgen.

Intoniert sie ihre wechselhaften Gesang anfänglich schläfrig, mit geschlossenen Augen, lebt Jones regelrecht auf, wenn sie ihrer Experimentierlust freien Lauf lassen darf: „His Jeweled Floor“, für das sich die blonde Frau mit der immer wieder durchbrechenden Kleinmädchenstimme angeblich von einem moslemischen Poeten des Mittelalters inspirieren ließ, gerät zur ausladenden Klanglandschaft, wo Bass mit Bogen, Becken mit Besen bearbeitet werden und Jones wie in Trance inbrünstige Töne zelebriert.

Nicht allen im Publikum scheint der komplizierte Diskurs zu gefallen, der die Künstlerin facettenreich an Klavier, E- und Akustik-Gitarre sowie Schlagzeug führt; würden sie ihrer Ikone doch lieber auf eingängigeres Terrain folgen. Doch Rickie Lee Jones zündet mit „Bonfire“ ein weiteres Feuerwerk formal schwieriger Songstrukturen. Eine Zugabe verweigern die eigenwillige Interpretin nach artiger Dankrede zum Abschied ohnehin ...

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