Fado unter Gitarren-Gewitter

Wenn Musiker im fortgeschrittenen Karrierestadium auf den Gedanken verfallen, „mal was anderes“ zu machen, ist der Schrecken oft nicht fern. Gepflegte Langweile ist noch der günstigere Fall. Letztere immerhin ist Misia nicht nachzusagen. Von Stefan Michalzik

Die portugiesisch-spanische Sängerin die mit ihrem Programm „Ruas“ bei den Festspielen in der Bad Vilbeler Wasserburg gastierte, war Anfang der Neunziger Jahre mit viel internationalem Aufsehen angetreten, um dem Fado, der Sehnsuchtsmusik aus den Kaschemmen des Hafenviertels von Lissabon, ein neues Gesicht zu geben. An der Musik hat sie gar nicht so viel verändert, aber Literaten wie António Lobo Antunes und José Saramago als Texter gewonnen.

Ganz in Schwarz tritt sie in Erscheinung. Die Barfüßige legt den Kopf in den Nacken und singt, die Augen geschlossen, mit wohltemperiertem Pathos und weit ausgreifender Stimme. Man muss kein Wort verstehen, um genau zu wissen, worum es geht. Die Unausweichlichkeit ist es, die dem Schmerz die existenzielle Tiefe gibt.

Nach der Pause zieht Misia als Touristin im Leopardenmantel ein. Sie hat Lieder zwischen Italien, Japan, Mexiko und den USA aufgesammelt, und in manchen Fällen handelt es sich um Fado mit anderen Mitteln. Aber nicht in allen. Das Repertoire reicht von Stings „I Hung My Head“ über das Schlagerchanson von Dalida bis zu Joy Divisions „Love Will Tear Us Apart“. In das vorzügliche, mit akustischen Gitarren und Violine besetzte Ensemble ist zur zweiten Konzerthälfte der E-Gitarrist Jeffrey Burton eingewandert. Ein Genie der Verknappung und Fragmentierung. Burton aber metzelt alles andere nieder und stellt sogar die Gesangsstimme in den Schatten. Ein Debakel.

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