Falsche Hirten im Jubiläumsjahr

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Vor 20 Jahren entstand die Band als Kunstprodukt des Filmregisseurs Aki Kaurismäki.

Offenbach - Buchautor Wladimir Kaminer vermarktet seit Jahren seine „Russendisko“, DJ Shantel hantiert mit dem Bucovina Club und die nach USA emigrierte Formation Gogol Bordello ist, seit sie von Pop-Domina Madonna beim Live Earth-Spektakel einem Milliardenpublikum präsentiert wurde, Russlands Aushängeschild. Von Ferdinand Rathke

Möglich gemacht hat diese Osteuropäisierung allerdings eine Formation, die schon im Wendejahr 1989 eine Verbindung hinter den damals Eisernen Vorhang nicht nur namentlich knüpfte: Leningrad Cowboys.

Doch eigentlich sind die Leningrad Cowboys weder eine richtige Band, noch stammen sie tatsächlich aus Osteuropa. Ausgedacht hat sich den grotesken Spaß der finnische Kult-Regisseur Aki Kaurismäki, der für seine Roadmovies „Leningrad Cowboys Go America“ und „Leningrad Cowboys meet Moses“ aus der seit 1975 bestehenden Gruppe Sleepy Sleepers kurzerhand ein fiktive Band nach seinem Gusto formte: Schwarze Anzüge, schwarze Sonnenbrillen, spitze Schuhe und ebenso spitze Haartollen machten die Leningrad Cowboys weltweit hoffähig.

Partystimmung pur gehört der Vergangenheit an

Sein 20-Jahre-Bühnenjubiläum begeht das dreizehnköpfige Ensemble allerdings im recht spärlich besuchten Offenbacher Capitol. Zwei Stunden lang liefert die längst nicht mehr in der Urbesetzung bestehende Ulktruppe Partystimmung pur. Mit einem Rezept, das seit Gründung kaum variiert wurde: Pop- und Rock-Klassiker der vergangenen 50 Jahre in brachialen Metal-Versionen fusionieren mit osteuropäischer Folklore zwischen Kalinka-Seligkeit. Wären die an die Tradition des Slapstick angelehnten Einlagen nicht, die Kuhjungen aus der mittlerweile abermals umbenannten Stadt des Gründers der Sowjetunion wären nichts weiter als eine x-beliebige Coverband.

Polka und Punk bestimmten zu Karriereanfang noch als trotziges Ausdrucksmittel renitenten Verweigerertums das künstlerische Selbstverständnis. Heutzutage müssen sich die Fans mit schnöden Versionen von ZZ Tops „Gimme All Your Lovin’“, Metallicas „Enter Sandman“ und „LA Woman“ der Doors zufrieden geben. Wirklich amüsante Lichtblicke gibt es nur wenige. Etwa wenn der Posaunist sich als Ersatz-Elvis versucht, um das manische „Surfin’ Bird“ der längst vergessenen The Trashman zu vergewaltigen. Oder wenn der beleibte Rhythmusgitarrist sich im knallroten Lobster-Kostüm an Ralph Siegels deutschen Grand-Prix-Klassiker „Dschingis Khan“ vergeht. Doch noch vor der Zugabe verlassen nicht wenige die Jubiläumsfeier vorzeitig.

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