Fast ein Familientreffen

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Mit ihrem umfangreichen Repertoire können die Schwaben machen, was sie wollen: Das Publikum geht in Frankfurt begeistert mit.

Pur-Frontmann Hartmut Engler, im Grunde bestimmt eine durch und durch ehrliche Haut, lügt: „Wir haben unsere Songs zum Jubiläum in ein neues Gewand gepackt. Manche erkennt man nun erst, wenn der Typ mit dem bunten Hemd und der großen Nase anfängt zu singen.“ Von wegen. Von Max Blosche

Die Band aus Bietigheim-Bissingen kann mit ihrem Repertoire wahrscheinlich machen, was sie will: Selbst Nicht-Fans merken auf Anhieb, dass es Pur-Werke sind. 25 davon, neben Hits wie „Lena“ und „Funkelperlenaugen“ viele Raritäten, präsentierte die Band zum Auftakt ihrer Jubiläumstour in Frankfurt.

Die Fans sind selig. So wie die Lieder zwar anders, aber trotzdem unverkennbar nach Pur klingen, zeigt auch das Verhalten des Publikums in der seit langem ausverkauften Jahrhunderthalle keinen Unterschied zu üblichen Konzerten. Nachdem die Musiker passend zum Auftaktstück „Im letzten Regen“ als Überraschung unter Regenschirmen mitten durch die Stuhlreihen auf die Bühne gelaufen sind, dauert es exakt ein Lied lang, bis die ersten stehen und die ganze Halle mitsingt.

Wann immer im weiteren Verlauf des Abends etwas gemacht wird, dann machen es alle: Aufstehen, hinsetzen, mitklatschen, mitsingen, lachen. Pur ist eine eindrucksvolle Kollektiverfahrung, eine familiäre Angelegenheit. Der schlaksige Mann am Mikrofon, der wie seine Kollegen schon rein optisch mit Jeans und T-Shirt unter komplett aufgeknöpftem Hemd ebenso gut im Publikum sitzen könnte, muss oft gar nichts sagen. Die Fans wissen auch so, was gerade von ihnen erwartet wird.

Trotzdem redet er mit seinem dezent schwäbischen Akzent nicht wenig. Mal erläutert er die Stücke, die das Publikum in- und auswendig kann. Mal macht „der Hartel“, wie er sich einmal selbst bezeichnet, Witzchen. Wenn Engler singt, dann tut er es mit Inbrunst. Die nachdenklichen Stücke absolviert er auf seinem „solidarischen Stuhl“, zu den fetzigen Nummern tanzt er ungelenk. Die Lieder erzählen meist Geschichten, die das Leben und die Liebe schreibt, viel Persönliches, verabreichen aber auch immer wieder eine gut verträgliche Dosis Sozial- und Gesellschaftskritik.

Wie lange das schon gut geht, zeigte in der Konzertmitte ein Video zu dreißig Jahren Pur-, Deutschland- und Weltgeschichte. Geht es nach Pur, darf es auch noch lange so bleiben: „Wir feiern dreißig Jahre in einer Jahrhunderthalle, dann haben wir ja noch siebzig Jahre“, witzelte der Sänger. Ein Geheimnis des langen Erfolgs: Pur sind unschlagbar nah dran an ihren Fans – thematisch, sprachlich und, wie gesagt, auch optisch.

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