Fast neue Welle

Künstlerische Entwicklung in der Postmoderne fußt nicht zwangsläufig auf Innovation, sondern prägt sich durch die kontinuierliche Kombination vorhandener Ideen. Vor allem die Popkultur reproduziert sich mit jedem Generationenwechsel per Retrospektive. Von Ferdinand Rathke

Lockt ein junges, unerfahrenes Publikum mit Zitaten, Plagiaten, Kopien, Querverweisen und Coverversionen. Ein Prozess, der begann, als die Engländer zu Zeiten des British Beat Boom um 1963 den Amerikanern ihre eigene Musik zurückverkauften.
Prinzipiell nicht anders verfahren Nouvelle Vague. Drei Alben lang präsentiert das Projekt des französischen Produzentenduos Marc Collin und Olivier Libaux Standards des Punk und New Wave als leichtfüßige Bossa Nova. Zeitgenossen mit Sinn fürs Detail dürfte aufgefallen sein, dass sowohl Bandname als auch die beiden bevorzugten Genres übersetzt „Neue Welle“ bedeuten. In den vergangenen sechs Jahren erwies sich Konzept um ein simples Wortspiel kommerziell als so tragfähig, dass zum Auftakt der Reihe „Sommerperlen“ die Darmstädter Centralstation an einem lauen Abend gut gefüllt ist.

Entspannung und maritimes Urlaubsgefühl

Neu ist die Idee von Collin und Libaux, Genre-Favoriten ganz anders zu interpretieren, ja nicht gerade. Doch sorgen luftige Arrangements im kargen Latin-Jazz- und neuerdings Country’n’Western-Stil allenthalben für Verblüffung, wenn eine Ähnlichkeit zu den Originalen kaum noch erkennbar scheint. In schummrigem Ambiente suggeriert das Sextett Entspannung und maritimes Urlaubsgefühl. Beim Versuch, den Zeitgeist vergangener Jahrzehnte zu beschwören, bleiben die cleveren Macher dezent im Hintergrund. Unauffällig hantieren die Herren Chefs an E-Piano und Stehbass. In den Mittelpunkt rücken zwei bezaubernde Brünette, die sich am Mikrofon abwechseln oder auch mal gemeinsam durch einen Oldie trällern.

An Beschallung auf Rolltreppen und in Fahrstühlen von Einkaufszentren erinnert der Auftakt mit „So Lonely“ von The Police. Dennoch reagiert das Auditorium auf verkappte Nostalgie bis zur finalen Zugabe gerührt bis enthusiastisch. Das Konzept, Klassiker in neuen Kontext zu stellen, funktioniert stellenweise sogar ausgezeichnet, etwa beim bluesigen „Human Fly“ von The Cramps, dem manischen „Friday Night, Saturday Morning“ von The Specials oder dem fidelen „Metals“ von Gary Numan. Da halten die an Brigitte Bardot und Jane Birkin geschulten Damen ihre sexy Lolita-Stimmchen dezent im Zaum.

Rubriklistenbild: © Pixelio / Peter Kirchhoff

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