Feine britische Blechbläser-Art

Innig verbunden: Steven Mead mit Euphonium.Foto: bg

Zur kleinen Instrumentenkunde gedieh das „Classic Lounge“-Konzert so nebenbei. Denn kaum einer dürfte wohl das Euphonium gekannt haben, im Mittelpunkt von „The British Sphinx“. Unter diesem Titel war die Neue Philharmonie im Offenbacher Capitol englischen Mythen und Phänomenen auf der Spur.

Wie dem originellen Blechblasinstrument, eine Art Tenor-Tuba, dem weichen Hörner-Ton nahe und für solistische Höhenflüge geeignet. Wenn man das Euphonium so virtuos zu traktieren versteht wie Steven Mead, dem Rolf Rudin ein Konzert auf den Leib geschrieben hat. Sinfonisches Rätselraten dann in den Enigma-Variationen des Briten Edward Elgar, deren Charakter Dirigent Roland Böer zu schärfen verstand.

Den Auftakt macht Felix Mendelssohn Bartholdys Konzert-Ouvertüre „Die Hebriden“, eine klangliche Ansichtskarte der schottischen Insel Staffa. In den milden bis wilden Wellengang, von der Neuen Philharmonie mit leichter Hand inszeniert, mischen sich neben einem bezaubernden Klarinetten-Intermezzo auch heroische Bläsertöne, wie Begleitmusik zu einem archaischen Kult. Vielleicht thronte hier ja jener magische Stein des Schicksals, der den Frankfurter Rudin zu seinem Euphonium-Konzert inspirierte. Dass dieser heilige Fels schreit, wenn der richtige König auserwählt ist, darüber lässt Weltklasse-Solist Steven Mead nicht im Unklaren, der sich aus rabenschwarzen Blechbläser-Tiefen empor schraubt und eine Prozession anzuführen scheint, die dem Stein mannigfaltig huldigt – auch in schneidender Klang-Schräge.

Der spürbar motivierte Brite ist dabei gleichermaßen Vorspieler wie Stichwortgeber und Illustrator eines aufwändigen Orchesterklangs auf unruhigem Rhythmus-Grund. Sein virtuoses Mütchen kühlt Mead in „Der Speer des Kampfes und Das Schwert des Lichtes“. In unendlichen Tonketten und ebensolchen Atemkurven blitzt sogar Zweistimmigkeit auf. Und beim „Kessel des Heils“, dem Tote zum Leben erweckenden Gral, scheinen sich Richard Wagner und der Impressionist Maurice Ravel auf halben Weg getroffen zu haben. Ein klanglich weit gefächertes, von Celesta-Glöckchen eingeläutetes Nachtstück, mit weihevollem Bläserklang durchzogen, den elastischer Euphonium-Ton befeuert.

Kein Wunder, dass „Toute Offenbach“ den Briten und seinen in Erlensee beheimateten Komponisten anhaltend feiert. Samt einer Philharmonie in Topform und wie Wachs in Roland Böers Dirigierhand – auch in den Klang rätseln des Spätromantikers Elgar. Der hat in seinen Enigma-Variationen, die auf einer stabilen, Passacaglia-ähnlichen Tonfolge fußen, 14 Menschen seiner näheren Umgebung porträtiert. Doch bei Böer bedarf es kaum der richtigen Zuordnung. Sind’s doch allesamt Charaktervariationen, ob nun im tief empfunden Moll oder tänzerisch derart leicht abhebend, als schwebe eine Ballerina über die Bühne des Capitols. Dass dieses sinfonische Klang-Epos 14 Kapitel hat, wird einem beim packenden Spiel des Orchesters überhaupt nicht bewusst. Da wirkt schon dessen enge Vertrautheit mit dem ehemaligen Kapellmeister der Oper Frankfurt Wunder. Und die geschickte Programmauswahl – zwischen romantischem Klangsamt und einem potenziellen modernen Klassiker – tut ein Übriges: Konzertant ist Offenbach längst in der ersten Liga.(ack)

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