Feinnerviges Psychodrama um zwei Außenseiter in Wien

„Arabella“ von Richard Strauss an Frankfurter Oper ohne Kitsch tief ergründet.

„Arabella“ von Richard Strauss an Frankfurter Oper ohne Kitsch tief ergründet: Dass sich Regisseur Christof Loy nicht gemäß des Untertitels von „Arabella“ mit einer „Lyrischen Komödie“ zufrieden gibt, war zu erwarten.

Dafür hat er in der Oper Frankfurt das Psychodrama zweier Außenseiter spannend ausgelotet, für das ihm Richard Strauss und Textdichter Hugo von Hofmannsthal gewichtige Argumente lieferten. Da Generalmusikdirektor Sebastian Weigle samt Museumsorchester den feinervigen, seelenvollen Ton mit robusten Walzertakten konterkariert, hat das Gesellschaftsporträt aus Wiener Operettenzeiten seinen Stellenwert. Garantin für eine begeistert aufgenommene Premiere war Anne Schwanewilms, überragend als Arabella.

Ein klinisch reiner Bühnenkasten mit verschiebbaren Wänden: Die „Cosi fan tutte“-Inszenierung lässt grüßen, Loys Vorliebe für Räume dokumentierend. Blickfang ist zunächst eine öde Hotelsuite (Ausstattung: Herbert Murauer), in der die verarmte Grafenfamilie auf unbezahlten Rechnungen sitzt. Der Vater ist ein Spieler, der alles verzockt hat, die Mutter so verzweifelt, dass sie eine Kartenleserin (Barbara Zechmeister, stimmlich mit günstiger Prognose) befragt. Da soll’s Arabella richten, indem sie reich heiratet, während Schwester Zdenka als Knabe ausgegeben wird, weil es sich Grafens nicht leisten können, zwei Töchter standesgemäß einzuführen.

Träume und Realität prallen aufeinander, ein Fremder bringt Arabellas Gefühlsleben durcheinander, Freier zerren an ihr, sie als Faschingstrophäe betrachtend. Doch sie unterschätzen ihre Ballkönigin, werden wie am Nasenring vorgeführt. Denn da ist Mandryka, ein reicher Gutsherr, vom Bild Arabellas verzaubert. Und da macht sich der Jägeroffizier Matteo Hoffnungen, die Zdenka schürt, weil sie ihn insgeheim liebt. Was zur Beinahe-Katastrophe führt, als sie während des Balls Matteo den Schlüssel zu Arabellas Zimmer zusteckt, was der mittlerweile erhörte Mandryka mitbekommt. Doch es ist Zdenka, die sich dem geliebten Jäger als Arabella verkleidet hingibt.

Für so viel Aufruhr werden Wände verschoben, machen den Raum klein, blenden bei intensiver Selbstreflexion die schwarz-weiß gekleidete Feiergesellschaft aus, die nach strenger Choreografie – noch im Stand eine Spezialität von Loy – herumlümmelt oder auf der Treppe ihren Rausch ausschläft. Zum Schlussduett der Liebenden öffnet sich die Bühne, ein schwarzer Hintergrund tut sich auf, während die Musik zum druckvollen Finale ansetzt, das in wenigen Takten Bilanz zieht.

In vielen fein stilisierten Passagen scheint der „Rosenkavalier“ nahe. Dabei gelingt es dem Dirigenten und dem in Kammerbesetzung noch motivierteren Orchester, die folkloristischen Elemente, das entrückte Herzflimmern in bekömmlicher Süße, die Couplets und Lieder sowie die robusten Walzer in organischem Klangstrom zu vereinen, ein temperamentvoller „Walkürenritt“ inbegriffen. Ein dickes Lob gebührt dem sich elastisch in den Festtrubel stürzenden Chor.

Kaum glaublich, dass es Schwanewilms’ Rollendebüt ist, die eine souveräne, auch nachdenkliche Arabella gibt, mit einem Sopran, der das Innerste nach außen zu kehren vermag und stabilen Spitzentönen gebietet. Dem steht Britta Stallmeister als Zdenka nicht nach, die ihren seelischen Konflikt so glaubhaft macht, dass man sie zum Analytiker schicken möchte.

Stimmstark in Zorn und Leid, anrührend im Liebesbekenntnis: Bariton Robert Hayward ist als Mandryka in Brust- und Kopfton überzeugend ernsthaft. Auch wenn er sich als vermeintlich Betrogener an der Fiakermilli vergreift, Lustobjekt der höheren Stände. Sopranistin Susanne Elmark verfügt nicht nur über Koloraturen, die in Mark und Bein fahren, sie ist bis zum Mimi-Huster das geschundene Menschlein. Gefühlsmäßig hin- und hergerissen: Die Mutter Adelaide von Helena Döse, in den knappen Mezzosopran-Einsätzen präsent.

Das Ensemble muss sich nicht verstecken – der kraftvoll-kernige Tenor Richard Cox als abgeblitzter Liebhaber, der profunde Bass Alfred Reiter als spielsüchtiges Familienoberhaupt oder die potenziellen Verehrer Arabellas, Peter Marsh, Dietrich Volle und Florian Plock, gestisch wie an Marionettenfäden, stimmlich äußerst beweglich.

„Muss man 70 Jahre alt werden, um zu erkennen, dass man eigentlich zum Kitsch die größte Begabung hat?“, unkte Strauss. Keine Spur davon in Frankfurt. Da ist eine lange Verweildauer auf dem Spielplan kein frommer Wunsch!

Noch am 29. Januar sowie am 1., 4., 8., 14., 26. Februar und am 1. März.

(Klaus Ackermann)

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