Fels in der orchestralen Brandung

Tugan Sokhiev ist zur Zeit ein gefragter Mann. Zum Beispiel in Berlin. Dort ist der junge, aus der russischen Provinz Nordossetien stammende Dirigent als künftiger Chef des Deutschen Sinfonieorchesters im Gespräch, und bei den Berliner Philharmonikern gab er kürzlich ein erstes Gastkonzert. Von Axel Zibulski

Mit seiner sparsamen Körpersprache bei zugleich hoch konzentriertem Auftreten und brillanter Schlagtechnik ist Sokhiev keiner, der vordergründig die Muskeln spielen lässt. Auch wenn die Musik so kraftstrotzend daherkommt wie im „Ungarischen Marsch“ von Hector Berlioz.

Beim Pro-Arte-Konzert in der Alten Oper leitete er das Orchestre National du Capi tole de Toulouse, dessen Musikdirektor er seit zwei Jahren ist. Die Subtilität seiner Körpersprache übertrug sich bereits in Claude Debussys schwülem „Prélude à l’après-midi d’un faune“ perfekt auf das Orchester, bereits beim lustvoll anschwellenden Flöten-Auftakt. Sokhievs feine Tempo-Rückungen, sein untrüglich russisch geprägtes Melos-Gespür veredelten sogar die treffend wuchtig angelegte Marsch-Interpretation, ebenso Ausschnitt aus Berlioz’ monumentaler „Verdammnis des Faust“ wie die feinen instrumentalen Farbmischungen von „Sylphiden-“ und „Irrlicht-Tanz“.

Als Solist kostete der junge Cellist Claudio Bohórquez Peter Tschaikowskis „Variationen über ein Rokoko-Thema“ op. 33 mit reichlich Melos und Wohlklang aus, gar nicht in Frage stellend, dass die sieben Variationen reichlich Salonluft in sich tragen. Der nicht große, aber hoch sonore und tragende Ton des Kronberg-Preisträgers strahlte noch in den breit ausbuchstabierten Verzierungen und Melodie-Winkeln; Bohórquez nahm sich viel Raum zu Glanz, Schmachten und Brillanz, artikulierte aber stets sauber und nie zu vibratogesättigt. Geschmackssache war die kräftig romantisiert gespielte „Allemande“-Zugabe aus einer Solo-Suite Johann Sebastian Bachs.

Sokhiev und sein Toulouser Orchester verbinden französische Klangopulenz so hervorragend mit dem Gespür für russisches Melos, nachzuhören in einem Orchester-Reißer russischer Herkunft in Gestalt von Sergej Rachmaninows nicht weniger glanzvoll instrumentierten „Sinfonischen Tänzen“ op. 45. Sokhiev war auch bei diesem dreiviertelstündigen lentoschweren, glockengesättigten und volltönenden Finale der Fels in der Brandung; er und sein Orchester dankten mit Ausschnitten aus Edward Elgars „Enigma-Variationen“ sowie Georges Bizets „Carmen“.

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