Festival „Lüften“ an der Jahrhunderthalle

Frankfurt - Die Sache dürfte Folgen haben. Glücklich und zufrieden, geradezu euphorisch wirkt Niels Ewerbeck, der neue Intendant des Frankfurter Mousonturms im Gespräch. Ja, man gedenke weiterzumachen. Von Sebastian Hansen

Auch wenn der Publikumszuspruch mit geschätzten 2500 Besuchern pro Tag noch nicht den Hoffnungen entspreche. Das Ganze muss erst Kreise ziehen, auch bundesweit.

Das vom Mousonturm frisch aus dem Boden gestampfte Festival Lüften präsentiert sich wie ein Jahrmarkt der Künste. Die am westlichen Stadtrand gelegene Jahrhunderthalle mitsamt ihrem weitläufigen Freigelände wird bis die hintersten Winkel, Innenhöfe und Terrassen bespielt. Selbst auf der Toilette schallt einem Kunst entgegen, in Gestalt der ambienthaften ,,Music for Bath and Toilets“, der Klangkünstlerin Gabi Schaffner.

Dreitägige Großveranstaltung

Der Mousonturm will mit der dreitägigen Großveranstaltung ein Lebenszeichen während der im Spätsommer/ Herbst beendeten Umbauphase von sich geben. Zugleich handelt es sich erklärtermaßen auch um ein programmatisches Statement. ,,Music & Arts“ sind dem Untertitel nach offeriert. Will heißen: Pop, Performance und Bildende Kunst. Am ersten Abend ließen The Notwist zwar erkennen, dass sich auch avancierte Popmusik nicht permanent neu erfinden kann. Mehr als bloße Legendengediegenheit ist da aber nach wie vor: Derart lässig entspannt-druckvoll wie bei diesem hinreißenden Auftritt hat man die Weilheimer noch nicht erlebt. Als wertkonservativ erwiesen sich The Shins. Das aus Albuquerque, New Mexico stammende Quintett um den Sänger, Songwriter und Gitarristen wirkt mit seinen melodiös-beschwingten Songs noch immer ausgesprochen erfrischend. Die Berlin-Wiener von Ja, Panik legten einen fantastisch ruppigen Auftritt hin.

Das dänische Quartett When Saints Go Machine kommt dem State of the Art im Pop recht nahe. Der Sänger Nikolaj Manuel Vonsild schreibt die Reihe der großen Pop-Falsettisten vom Schlage Jimmy Somerville und Antony Hegarty fort; der melancholisch-elegante Synthiepop lässt einen Rückbezug auf die achtziger Jahre wie auch eine Schwagerschaft zu James Blake erkennen, der für den nächsten Abend angekündigt war.

Riesige Autorennbahn ,,Vinyl Rally“

Für die Artcargobay, den zentralen Ort der Kunstaktivitäten, hatte die Kuratorin Annette Gloser das Thema Mobilität ausgegeben. Die riesige Autorennbahn ,,Vinyl Rally“ des Australiers Lucas Abela ist eine Konstruktion aus Getränkekästen mit einer aus Vinylschallplatten gefertigten Fahrbahn: Eine konsolengesteuerte Projektionsfläche für Männerträume. Auf eine ganz andere Weise spielerisch beschäftigt sich Far a Day Cage mit der ökologischen Problematik: Das Schweizer Performancekollektiv erzählt in seinem Stück ,,Urwald“ und vor einer Holzhütte aus der Perspektive einer Gesellschaft postapokalyptischen Mutanten in tierhafter Gestalt in ferner Zukunft von den letzten Menschen im Jahr 2012, deren ökologisch widersinniges Handeln in grotesker Weise absurd wirkt. Das hat seinen Charme, es ist aber auch – gleich einem Gutteil der Kunstarbeiten - alles andere als frei von Possierlichkeit.

Da wirkt das Tanzstück ,,Sideways Rain“ des brasilianischen Choreografen Guilherme Botelho dramaturgisch entschieden stringenter. Die Tänzer seiner Compagnie Alias kriechen und krabbeln, schlurfen und rennen in einem nimmer abreißenden, sich aber stetig wandelnden Fluss über die Bühne. Eine Stunde lang, unter dem Klang einer an- und wieder abschwellenden Wummersoundfläche des mexikanischen Komponisten Murcof. Eine Erzählung vom Leben.

Das entsprechende Standvermögen des Besuchers vorausgesetzt, war ein DJ-getuntes Amüsement im Casino noch bis zum frühen Morgen garantiert, bestückt vom Offenbacher Club Robert Johnson.

Rubriklistenbild: © Pixelio.de/Rafiki

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare