David Garrett in Frankfurt

Filetstücke der Geigenliteratur

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Frankfurt - „Paganini“ David Garrett und das blutjunge Verbier Festival Chamber Orchestra luden in der ausverkauften Alten Oper zur „Klassik Tournee 2014“. Unplugged. Und ganz ohne Crossover-Ambitionen. Von Peter H. Müller

„Der schönste schnellste Geiger der Welt“ kann´s auch klassisch: Neben Werken von Mozart, Mendelssohn Bartholdy und Tartini gibt es vor allem Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ zu genießen - ziemlich werktreu, aber als erquickend intime Cabrio-Fahrt durch den venezianischen Barock.

Natürlich, es wird auch nach dieser Tour wieder Puristen oder Gralshüter geben, die den Popstar unter den Geigern in Grund und Boden kritisieren. Aus Prinzip. Oder weil er sich bewusst Filetstücke der Geigenliteratur - Mozarts „Türken-Marsch“, Fritz Kreislers „Corelli-Variationen“ oder die „Caprice Nr. 24“ von Niccolò Paganini - und den wahrscheinlich populärsten Konzert-Zyklus überhaupt ausgeguckt hat. Vielleicht auch weil er im Kino gerade noch als „Teufelsgeiger“ Paganini sichtlich fremdelte und der Film floppte - was nebenbei daran gelegen haben mag, dass Veronica Ferres mitspielte.

Womöglich aber wird er einfach deshalb so harsch beurteilt, weil er David Christian Bongartz alias David Garrett ist. Der 32-jährige Deutsch-Amerikaner polarisiert, er ist zur Mainstream-Marke geworden, mit Zuschreibungen wie „Geigen-Rebell“ oder „Beckham der Klassik“. Ganz gallige Traditionalisten attestieren ihm mit Blick auf seine Flammen-umwölkten Crossover-Spektakel gerne mal „Softpornoklassikjunkfood“. Im Großen Saal der Alten Oper ist das alles eher Makulatur: Garrett gibt glaubhaft den leidenschaftlichen Überzeugungstäter, einen, der sich in Giuseppe Tartinis vertrackte „Teufelstriller-Sonate“ so virtuos einarbeitet wie sonst gern in Metallicas „Master of Puppets“.

Er spielt rund zwei Stunden mit höchster Konzentration, auswendig, ohne Notenblatt, und plaudert zwischendrin gewohnt leger über seinen New Yorker Mentor Itzhak Perlman oder darüber, was es mit Belcanto und den zumeist mit Franck von der Heijden ausbaldowerten Arrangements auf sich hat. Um ihn herum: das ebenso junge wie erfrischend dynamische Verbier-Orchester unter Christoph Koncz (27), der 40 Musiker aus 21 Nationen dirigiert, um in der zweiten Hälfte an die zweite Geige zu wechseln - und Vivaldis entzückend betuliche, zu den jeweiligen Jahreszeiten verfassten Sonette zu rezitieren.

Im italienischen Original mögen diese, nun ja, Gedichte noch einen zauberhaften Charme verströmen, auf Deutsch klingt die ungelenke Wortmalerei eher nach Poesie extralight. Aber für das wirkliche Kopfkino hat ja David Garrett die teuerste seiner Stradivaris geschultert und den schön barocken „Vier Jahreszeiten“-Zyklus von den rauen Klängen der Alte-Musik-Spezialisten, von allem Hermetischen befreit, um sie mit reichlich Vibrato und zuweilen lyrisch zart schmelzendem Sentiment zu versehen.

Auch wenn seine Intonation in schnelleren Passagen mal untief wird, Garrett meistert das mit Souveränität und perfekter Technik. Da mag dann sogar mitten im „Sommer“-Sturm die malträtierte E-Saite, womöglich vom antiken Westwind „Zephyr“ zerzauselt, ihren Dienst verweigern - nach kurzer Reparaturpause geht die wohltuend unprätentiöse Jahreszeiten-Reise weiter. Neuerfindung klingt sicher anders. Aber, und das ist nicht die schlechteste Bilanz, David Garrett hat mit seiner Vivaldi-Interpretation die Fans zwischen 16 und 66 wieder mal kollektiv begeistert. Und en passant die eigene These „Wir gucken doch nicht Musik. Wir hören sie!“ mal eben locker auf den Kopf gestellt. Nein, das Auge hört eben doch mit. Großer Applaus.

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