Flotter Händel und fromme Marienvesper

Zweimal Barockmusik im Kloster Eberbach: Beim Rheingau Musik Festival zeigte Sopranistin Simone Kermes, dass Händel-Arien Potenzial für ein Vokalereignis bieten. Einen Abend später herrschte seriöse Ausgräberstimmung mit den Motetten und Psalmen des fast vergessenen Antonio Cifra.  Von Axel Zibulski

Kermes und Georg Friedrich Händel: Das bedeutete in der Basilika bereits optisch eine höchst vitale Allianz. Mit konzertantem Rampensingen gibt sich die gebürtige Leipzigerin nicht ab. Bereits ihr erster Auftritt ist eine Szene. Mit feuerrotem Haar kommt sie aufs Podium, wippt zu zackigen Streicherklängen der begleitenden „Lautten Compagney Berlin“ und besingt mit „Furie terribile“, der Armida-Arie aus Händels „Rinaldo“- Oper, sehr eindringlich die „schrecklichen Furien“.

Kermes gibt die enttäuschten Liebhaberinnen, zornig oder trauernd, affektvoll und mit reichlich Show. Schmachtende Blicke, zuckende Tanzeinlagen auf dem Podium. Im Mittelschiff gerät ein Fan derart in Verzückung, dass er immer wieder aufspringt, den Daumen reckt. Feuerzeuge in den Largo-Abschnitten waren immerhin nicht zu sehen.

Die Nina Hagen des Barockgesangs

Dass Kermes, die sich als eine Art Nina Hagen des Barockgesangs inszeniert, über einen furiosen Sopran verfügt, sei nicht vergessen. Sie singt souverän, auch wenn es Koloraturen hagelt wie in der Adelaide-Arie „Scherza in mar“ aus „Lotario“, in der das Herz mit einem Schifflein auf dem Meer verglichen wird. Ähnlich hin- und hergerissen dürften Puristen an diesem Abend gewesen sein, der nie langweilig war. Nicht zuletzt begleitete das vor 25 Jahren gegründete Orchester unter Leitung von Wolfgang Katsch ner angemessen rau, kantig und frisch.

Ein Chor, vier Posaunen, zwei Zinken, eine Truhenorgel: Der kontemplative Kontrast erklang zu Maria Himmelfahrt. Seit sechs Jahren stimmt das Festival am 15. August sein Programm auf den kirchlichen Feiertag ab; die „Marienvesper“ des 1584 geborenen Italieners Antonio Cifra war eine Rekonstruktion des Alte-Musik-Experten Wilfried Rombach, im Rheingau erstmals aufgeführt. Die in Cifras Todesjahr 1629 in Venedig veröffentlichten „Motecta et Psalmi“ erklangen im Wechsel mit Vokal- und Instrumentalsätzen anderer frühbarocker Komponisten, verbunden durch besonders gut in die Basilika passende gregorianische Choräle.

Cifras polyphone Psalm-Vertonungen sang das Dresdner „ensemble officium“ unter Rombachs Leitung auch in den solistischen Passagen mit glockenklarer Reinheit und einer den Raum eher dezent füllenden Leichtigkeit. Am Ende stand ein breit angelegtes, ganz inwendig gehaltenes „Magnificat“. Die danach vom Publikum lange gehaltene Stille stellte eine mindestens ebenso große Würdigung für die Künstler dar wie der schnell einsetzende Jubel für Kermes am Vorabend.

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