Karyn Kühl im Offenbacher Hafen 2

Folk und Rock verschmolzen

Karyn Kühl klassifiziert sich selbst gern als „die Tochter von Jimi Hendrix“. Zweifel erscheinen jedoch angebracht. Wenn schon, dann muss es sich zumindest um eine multiple Vaterschaft handeln.

Auch die Rolle der Mutter ist gleich mehrfach besetzt. Die in New York lebende Sängerin und Songwriterin, die mit einem Solokonzert im Offenbacher Hafen 2 gastierte, lässt mannigfache Einflüsse erkennen. Eine Eklektizistin, die sich beliebig hier und da und dort und überall bedient, ist sie beileibe nicht. Vielmehr führt sie alte Werte auf eine neue lichte Höhe. Ihre immer wieder in eine mattierte Höhe überwechselnde Altstimme steht in der Tradition reizvollen Ungesangs, die Nico Mitte der 60er Jahre bei Velvet Underground begründet hatte.

Wenn sich Karyn Kühl auf der elektrischen Gitarre begleitet, klingt ihre Musik ebenso folkdurchtränkt, wie sie auf der akustischen Gitarre ihren Rockfaktor erkennen lässt. Für eine derartige Verschmelzung von Folkmelodik und Rockharmonien war Neil Young einst ein Pionier. Ähnlich wie er bricht Karyn Kühl auf dem elektrifizierten Instrument mitunter in ein wohlig erschütterndes Lärmen und in Rückkopplungsorgien aus.

Die beim Singen und Spielen hinter einem Vorhang von schwarzen Locken verborgene Musikerin eröffnete das Konzert mit einer Reihe von schwermütigen Liedern. Doch ihr lyrisches Ich droht nicht im „Ocean of Tears“ – so einer ihrer Songtitel – zu versinken. Es lotet vielmehr die gesamte Breite des Gefühlslebens aus.

Es ist der Typ der so genannten Rockschlampe, den Karyn Kühl verkörpert, anschließend an Patti Smith, Courtney Love und PJ Harvey. Sie strahlt weibliches Selbstbewusstsein aus und wirkt, so offen sie sich auch zum Gefühl bekennt, nicht zerbrechlich. Es handelt sich bei ihr um einen entschiedenen Gegenentwurf zum Püppchentypus.

So genau Karyn Kühl offenkundig weiß, was sie musikalisch tut, so schleppend veröffentlicht sie ihre Songs. Seit der nach Anfängen mit dem New Yorker Hardcoretrio Sexpod 1999 gestarteten Solokarriere hat sie erst zwei Alben herausgebracht. Das mit „Cigarette Songs“ betitelte jüngere ist schon vier Jahre alt. Große Dinge wollen mitunter Weile haben. Und Kühl ist zu Großem imstande. STEFAN MICHALZIK

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