Jazzer Rüdiger Carl

Am Anfang war das Akkordeon

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Der „gehörnte“ Rüdiger Carl posiert mit den Mundstücken seiner Instrumente.

Frankfurt - Der Frankfurter Jazzer Rüdiger Carl hat ein Buch über sein Leben geschrieben. Darin erinnert er sich auch, wie er zur Musik kam. Von Detlef Kinsler 

Der Großmutter sei Dank. Denn hätte Oma Tinka dem Siebenjährigen nicht die Ziehharmonika geschenkt, wer weiß welchen Weg Rüdiger Carl eingeschlagen hätte. Sie liebte Musik und sah ein Talent. „Sie war immer an meiner Seite, auch wenn das mit den Plänen meines Vaters kollidierte“, erinnert sich der Musiker. „Obwohl ich ja als Kind keine Ahnung hatte, was ein Künstler ist, war da diese Neugier. “ Wenn einer, Akkordeon vorm Bauch, Pauke auf dem Rücken, Schellenkranz am Bein und Kazoo vor der Nase, auf dem Jahrmarkt akrobatisch musizierte. „Die habe ich bewundert, die Jungs, da konntest du mich als Kind nicht wegkriegen, da stand ich stundenlang daneben und habe geguckt, wie das funktioniert. “.

Seine Wissbegier hat den Musiker, Komponisten und Kurator seitdem nie verlassen. Am 26. April wird der seit 1985 in Frankfurt lebende Rüdiger Carl 70 Jahre alt, mit „Ab Goldap“ erscheinen im Frankfurter Verlag Weissbooks pralle 300 Seiten über sein Leben. Keine klassische Autobiografie. „Denn es ist überhaupt nicht mein Ding, mich selber so aufzublättern. Meine Arbeit besteht daraus Musik zu machen, über Musik nachzudenken und verschiedene Dinge auszuprobieren, die mir dringend nötig erscheinen“, betont Carl. So war es Kollege Oliver Augst, mit dem er 2011 das viel beachtete „Beltz Remixed“-Projekt mit teils elektronischen Adaptionen der Chansons des Kabarettisten realisierte.

Zwischenzeitlich war Akkordeon uncool

„Das Buch half die eigene Vergangenheit ein bisschen aufzuschütteln“, stellte Carl schnell fest. Knackstellen, Knotenpunkte und Weichenstellungen konnte er im Nachhinein klar erkennen. Die Flucht aus dem ostpreußischen Goldap (daher der Publikationstitel) via Wien nach Deutschland. Kindheit und Jugend in Kassel, die kreative Zeit in Berlin und in Wuppertal, das sich damals auf die Formel „Schwebebahn-Pina-Bausch-Free-Jazz“ bringen ließ.

Der improvisierten Musik hatte Carl sich verschrieben. Er spielte mit den Großen des Genres, Alexander von Schlippenbach, Sven-Ake Johansson und Irène Schweizer, war Mitglied im Globe Unity Orchestra. Saxophon und Klarinette waren längst seine Hauptinstrumente, das Akkordeon wurde eingemottet. „Mit 14 Jahren habe ich mich geniert, da mussten die Haare zurückgekämmt und zur Ente gegelt werden, da waren Elvis und Little Richard angesagt.“

Der Zufall wollte es, dass das Akkordeon wieder in den Fokus geriet. Auf einer Party lag das Instrument plötzlich auf dem Boden. „Ich habe es auf die Knie genommen, ausprobiert, und sofort wurde die Musik abgestellt und ich sollte spielen vor den angetörnten Jungs und Mädels“, erzählt Carl. „Wenn du da was rausholen willst, musst du richtig arbeiten mit so einem Klotz, aber man kriegte schnell eine spezielle Position in der Musikwelt weil das mit dem Akkordeon nur ein paar Wenige machten, die man ernst nehmen konnte.“

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