Lise de la Salle und Prague Philharmonia im Kurhaus

Französin lässt Chopin singen

Dass sie das Klavier singen lassen möchte, hat Lise de la Salle in einem Interview einmal gesagt. Also: Wie singt sich’s mit Chopin? Dessen zweites Klavierkonzert führte sie nämlich jetzt beim Rheingau Musik Festival im Wiesbadener Kurhaus auf.

Die 21 Jahre alte Französin, die ihre pianistische Hochschulausbildung in einem Alter abschloss, in dem andere gewöhnlich ihr Abitur absolvieren, zeigte: Zum Singen mit Chopin gehört zunächst ein ganz nonchalantes Spiel, bei dem selbst die dichtesten Oktavläufe durch ein lockeres Legato verbunden werden. Noch die technisch kniffligsten Passagen klangen vermeintlich mühelos. Und eben gesanglich.

Das bei ihr gewiss fundierte Selbstbewusstsein zeigte sich, indem sie häufig überdeutliche Verzögerungen einlegte und damit die begleitende Prague Philharmonia sowie ihren designierten Chefdirigenten Jakob Hrusa, gerade sieben Jahre älter als die Pianistin, in Sachen Rücksichtnahme und Flexibilität oft herausforderte. Aber nie überforderte.

Die Gäste aus Prag begleiteten nämlich aufmerksam und akkurat; in gestalterischer Hinsicht stellt der Orchesterpart von Frédéric Chopins Klavierkonzert Nr. 2 f-Moll op. 21 ohnehin weit geringere Ansprüche als der solistische. Und dieser war auch insoweit bei Lise de la Salle in bestens kontrollierten Händen. Dass die Pianistin höchstens 45 Konzerte pro Jahr spielt, ansonsten ihr Repertoire erweitert und vertieft, zahlte sich in der Konzentrationsdichte ohne jede Spur von bloßer Routine aus; Eleganz und Noblesse ihres Anschlags verrieten zudem aufs Angenehmste die französische Schule. Dass sie auch perkussiv zupacken kann, etwa wenn sie Werke Sergej Prokofjews spielt, hatte sie bei einer Matinee in Schloss Reinhartshausen vor drei Jahren bewiesen; im Kurhaus nun blieb sie auch in ihrer Zugabe, einer Bach-Bearbeitung, ganz auf der lyrischen Linie.

Das romantische Programm hatte die Prague Philharmonia mit einem eher selten zu hörenden Werk von Antonín Dvorak eröffnet. Klang in dessen 1877 entstandenen Sinfonischen Variationen über ein Originalthema op. 78 die eigentlich pianissimo zu haltende Vorstellung des Themas noch zu deftig, so differenzierte und verfeinerte Dirigent Hrusa die Folge von 27 Variationen zunehmend. In Kammerorchester-Besetzung hörte man im zweiten Teil Robert Schumanns Sinfonie Nr. 1 B-Dur op. 38 („Frühlingssinfonie“), damit aber gerade in den Mittelstimmen (Bratschen, Celli) etwas blass und schütter. Umso kerniger drangen die Bläser durch, aus ihren Reihen besonders lebendig die stark geforderten exzellenten Hörner. Freundlicher Applaus, keine Zugabe. AXEL ZIBULSKI

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