Intensivkurs in Sachen Kammermusik

Geisenheim - Romantik hat heftige Brisanz. Vor allem wenn sie von jungen Virtuosen wahrgenommen wird, für die der Weg zur berühmten „Blauen Blume“ das Ziel ist. Von Klaus Ackermann

Wie bei Quatuor Modigliani, einem französischen Streichquartett, das beim Rheingau Musik Festival auf Schloss Johannisberg einen Intensivkurs in Kammermusik absolvierte, der in Atem hielt. In Werken der Grenzgänger de Arriaga und Debussy und mit dem exzellenten französischen Pianisten Jean-Frédéric Neuburger, der im Klavierquintett f-Moll von César Franck Weichen stellte.

Der Spanier Juan Crisóstomo de Arriaga (1806-1826) hat die musikalische Romantik vorausgeahnt. Diesen Schluss lässt zumindest sein Streichquartett Nr. 3 Es-Dur zu, dessen Themen noch aus dem Mozart-Umfeld stammen könnten, Basis für eine fantasievoll wuchernde und auch Triviales nicht verschmähende Musik von Serenaden-Charakter.

Da gibt es schön geterzte Lieder, dramatisch aufgeladene Tremoli, und die Quarte wird zum melodiösen Mittelpunkt. Von Primgeiger Philippe Bernhard (der nur eingangs intonatorisch patzt), Loic Rio (2. Violine), Laurent Marfaing (Viola) und Francois Kieffer (Violoncello) klanglich plakatiert, die in empfindsamen Soli schwelgen. Keine Frage – de Arriaga ist seiner Zeit weit voraus.

Wie der junge Claude Debussy (1862-1918) in dessen einzigem Streichquartett ein fremdartiges Thema durch die vier Sätze irrlichtert, hartnäckig und verschwommen zugleich, auf harmonisch raffiniertem Grund ruhend. Hart gehen die jungen Franzosen diesen Debussy an, bei schnell sich wandelnder motivischer Vielfalt deutlich die Struktur herausstellend.

Ein wie rhapsodisch anmutendes Auf und Ab, auch rhythmisch von Quatuor Modigliani hinreißend modelliert. Selbst das traumverlorene, wie aus anderen Sphären stammende Andantino, vielleicht der einzige impressionistische Fingerzeig, bleibt nicht im Ungefähren. Ein kammermusikalisches Unikat, druckvoll aber immer organisch entwickelt und mit viel Hingabe gespielt.

Schon Debussys übermäßige Dreiklänge verweisen auf César Franck (1822-1890), bei dessen Klavierquintett f-Moll Pianist Neuburger die verschworene Streicher-Allianz nicht nur ideal ergänzt, sondern auch unauffällig Regie führt. In einem langwierigen, aber nie langweiligen Dreiakter, der Material für mindestens zwei Sinfonien bietet, von der französischen Seilschaft auf den jeweiligen dramatischen Punkt gebracht, die Francks Fabulierungskunst so akribisch wie detailverliebt beim Wort nimmt. Da setzt sogar die Generalpause ein Ausrufungszeichen, und das gefühlvolle Lento hat den finalen Tupfer im Klavierdiskant.

Noch in der Zugabe, das Scherzo aus Schumanns Es-Dur-Klavierquintett, stehen die glorreichen Fünf unter Starkstrom, zeigen mit dem Romantiker im Bunde, wo es musikalisch lang geht: Tonleiter auf und Tonleiter ab - harmonisch klangvoll unterfüttert. „So viel Chroma war noch nie im Fürst-von-Metternich-Saal“, seufzt Kollege Z. aus Wiesbaden. Recht hat er. Und es blieb bis Offenbach im Ohr.

Rubriklistenbild: © Albrecht E. Arnold/pixelio.de

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