Frau ohne Nerven

+
Auch klanglich war in der Alten Oper allerhand los. Hatte doch der sachdienlich dirigierende Grieche Constantinos Carydis vier Sätze aus „Roméo et Juliette“ von Hector Berlioz zu einer Art Programm-Sinfonie zusammengestellt.

Frankfurt - Man stelle sich vor, bei rasanter Autofahrt platzt ein Vorderreifen – und der Steuerfrau gelingt es gerade noch, den Wagen abzufangen. So ähnlich muss sich Vilde Frang beim Museumskonzert gefühlt haben. Von Klaus Ackermann

Denn in einer hart gezupften Passage des 2. Prokofjew-Violinkonzerts reißt der Norwegerin eine Saite. Die Virtuosin irritiert dies nur kurz. Flugs wechselt sie ihre Meistergeige mit Dimiter Ivanov, dem Konzertmeister des Museumsorchesters, der das lädierte Instrument prompt an seine Nachbarin weiterleitet. Statt Misstöne also ein gefeiertes Happyend. Auch klanglich war in der Alten Oper allerhand los. Hatte doch der sachdienlich dirigierende Grieche Constantinos Carydis vier Sätze aus „Roméo et Juliette“ von Hector Berlioz zu einer Art Programm-Sinfonie zusammengestellt. Für großes Orchester, bei Prokofjew eher von klassischem Zuschnitt, die Bläser zweifach besetzt, kleine Trommel und große Pauke für den folkloristischen Effekt.

Virtuose Höhenflüge im Finalsatz

Schon der Eingangssatz hat Fantasie-Charakter, den Vilde Frang melodisch kraftvoll wie figürlich souverän entwickelt. Bei der Süße des Violingesangs, der sich über Streicher-Pizzicato und Klarinetten-Tanz erhebt, schmilzt man gern dahin. Ein Reigen, der gespenstische Züge trägt, ehe er sich zu verflüssigen scheint. Rasante Tempi, virtuose Höhenflüge im Finalsatz – mit der bekannten Kalamität. In der Zugabe spielt sie Paganinis Variationen über „Nel cor piu non mi sento“ perfekt auf „fremder“ Geige.

Schließlich ein aufgrund seiner orchestralen Farbigkeit und den motivischen Hinweisen nahezu szenisch begreifbarer Berlioz, der Shakespeare verehrt haben muss: Die Stimmung ist von Anbeginn aufgeheizt zwischen den rivalisierenden Familien, was dem hoch konzentrierten Orchester viel Arbeit beschert. Bis Romeo via druckvollem Posaunen-Ton ein Machtwort spricht. Einem fein gestrichenen Scherzo der Traum-Fee folgt die leidenschaftliche „Scéne d’amour“, ehe der einsame Roméo in langwierige Tristesse verfällt, die das „Große Fest der Capulets“ wegfegt. Mit orchestralem Glanz und Gloria, den Dirigent Carydis zu kanalisieren versteht: Auch für die Kesselpauker bleibt Luft zum Atemholen…

Kommentare