Freies Spiel mit Strenge

Die Band, die der Tenorsaxofonist Daniel Erdmann Ende der 90er Jahre gründete, nannte er Erdmann 2000. Ein programmatisches Signal: Es ging um einen Beitrag zur Zukunft des Jazz. Dass die Band heute als Erdmann 3000 firmiert, ist da nur folgerichtig.  Von Stefan Michalzik

Zum Konzert in der Frankfurter Sommerreihe „Jazz im Palmengarten“ hatte das Berliner Quartett den französischen Posaunisten Yves Robert mitgebracht. Der verdiente Kämpe aus der französischen Szene der 80er Jahre um die Association de Recherche d’un Folklore Imaginaire trat schon auf dem Album „Supermicrogravity“ von 2007 als Gast in Erscheinung. Irisierende Wechsel und komplexe Harmoniefolgen sind Kennzeichen. Das Prinzip der Verzahnung prägt die Struktur. Sämtliche Instrumentalisten – außer Erdmann und Robert sind das Frank Möbus, Gitarre, Johannes Fink, Bass, und der einstige Frankfurter Gitarrist John Schröder am Schlagzeug – bewegen sich auf Augenhöhe.

Thema und Solo sind nicht zu trennen. Alle Ebenen sind miteinander verwoben. Hervorstechend ist die Dichte, Resultat äußerster Komprimierung des Materials. Sehr energisch und präzise wird musiziert. Die Freie Spielweise, in den 60er Jahren als Europas Antwort auf den Free Jazz entwickelt, bildet den stilhistorischen Hintergrund.

Unterschwelliger Groove

Der Grad der Organisation freilich ist extrem hoch: Die Musik von Erdmann und seinen komponierenden Kollegen ist durch außerordentliche Strenge der Form gekennzeichnet. Alles ist mit Raffinesse gemacht. Vielen Nummern ist ein unterschwelliger Groove eigen. Vereinzelt wandert ein folkloristisches Motiv ein.

Anfänglich werden einige Kracher gezündet. In Umkehrung der gängigen Konzertdramaturgie wird nach der Pause nicht einfach nachgelegt. Vielmehr werden die Nummern erzählerischer, bis hin zu filmisch anmutenden Spannungsmomenten.

Die Kluft zwischen dem Mainstream und der Freien Improvisation scheint bei Erdmann 3000 überwunden. Alle Hervorbringungen der Band bewegen sich auf einem beachtlich hohen Niveau. Freilich altert nichts schneller als die Zeitgenossenschaft. Einst war eine junge Szene aufgebrochen, um den sich zuletzt im Traditionalismus verlierenden Jazz zu verändern. Neben Erdmann war vor allem der Gitarrist Frank Möbus mit seiner Band „Der rote Bereich“ ganz vorn mit dabei. Die Errungenschaften von einst muten heute schon fast wieder konservativ an. In diesem Lichte betrachtet hätten wir es dann eben doch nach wie vor mit Erdmann 2000 zu tun.

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